Chronik | Welt
29.06.2017

Ermittlungen gegen australischen Kardinal könnten Papst gefährlich werden

Der Finanzchef des Vatikan soll Buben belästigt haben. Er ist ein enger Freund von Kirchenoberhaupt Franziskus.

Zwei Jahre hat die Polizei ermittelt, nun wird ein Verfahren gegen George Pell eröffnet, den ranghöchsten Kirchenmann Australiens. Diese Nachricht schlug am frühen Donnerstagmorgen weltweit wie eine Bombe ein – könnte ein Prozess gegen den Kurienkardinal doch das Pontifikat von Papst Franziskus in seine erste große Krise stürzen.

Als bisher ranghöchstem Katholiken wird der inoffiziellen "Nummer drei" im Vatikan vorgeworfen, vor Jahrzehnten Kinder missbraucht zu haben. Bewahrheiten sich die von Pell dementierten Vorwürfe, dürfte der von Franziskus begonnene Kampf gegen Kindesmissbrauch in der Katholischen Kirche weiter an Glaubwürdigkeit einbüßen.

Erst vor wenigen Monaten hatten zwei Mitglieder der kirchlichen Untersuchungskommission das Handtuch geworfen, da sie sich zu wenig von den vatikanischen Behörden unterstützt fühlten.

Unsittlich berührt

Mit Pell rückt nun Franziskus selbst ins Schlaglicht. Immerhin hat der Pontifex seinen engen Vertrauten, dem er gestern demonstrativ den Rücken stärkte, vor drei Jahren persönlich zum Leiter der neuen Aufsichtsbehörde für wirtschaftliche Angelegenheiten des Vatikan gemacht. Schon damals gab es in Australien Ermittlungen gegen den heute 76-Jährigen.

Was Pell genau vorgeworfen wird, teilte die australische Polizei nicht mit. Berichten zufolge soll er in den 1970er- bzw. 1980er-Jahren Buben in einem Schwimmbad unsittlich berührt und sich vor ihnen entblößt haben.

In einer Pressekonferenz beteuerte Pell, der mehrfach Missbrauchsvorwürfe gegen australische Priester unter den Tisch gekehrt hatte, gestern neuerlich seine Unschuld. Er habe sein Amt vorübergehend zurückgelegt und werde, wie von den australischen Behörden verlangt, zu einer Anhörung nach Melbourne reisen: "Ich freue mich darauf, auszusagen."

Pell, der seit Jahrzehnten auch mit dem emeritierten Papst Benedikt befreundet ist, sieht sich als Opfer einer Verleumdungskampagne. Tatsächlich hat er Feinde: Sowohl in Australien, wo er Kontakte in höchste Politikkreise hat – ein enger Freund ist Ex-Premier Tony Abbott – als auch im Vatikan.

Das liegt an seiner Nähe zum unter Kardinälen nicht unumstrittenen Papst, aber auch an seinem Posten als "Finanzminister" und als einer von neun Beratern, die die Kurie, die Verwaltung des Vatikans, reformieren sollen.