Chronik | Welt
23.08.2015

Entführungen: Die Angst, getötet zu werden

Nach Anneli: Kidnapper zählen zu den skrupellosesten Verbrechern der Kriminalgeschichte.

Die Stunden der Ungewissheit, die die Eltern der 17-jährigen Anneli durchmachten, kann niemand nachvollziehen. Vier Tage lang bangte und hoffte das deutsche Unternehmerehepaar um das Leben seiner Tochter, flehte die Entführer in einem offenen Brief an, das Lösegeld in Höhe von 1,2 Millionen Euro entgegenzunehmen. Doch dann kam die Gewissheit, dass das Mädchen tot ist. Brutal ermordet von zwei Gangstern, deren "Plan" an ihrer eigenen Unzulänglichkeit gescheitert war.

Kidnapper zählen zu den skrupellosesten Verbrechern der Kriminalgeschichte. Sie töten meist dann, wenn sie Angst haben, von ihrem Opfer erkannt zu werden.

Der Fall Maria Bögerl

So war es wohl auch im Fall der 54-jährigen Bankiersfrau Maria Bögerl, die am 12. Mai 2010 in Baden-Württemberg entführt wurde. Die Kidnapper forderten 300.000 Euro für ihre Freilassung, doch die Übergabe scheiterte, weil das Geld nicht rechtzeitig beschafft werden konnte: Die Bankfiliale hatte Mittagspause! Ein Spaziergänger entdeckte Maria Bögerls Leichnam in einem Waldstück.

Der Fall Bögerl hat eine Familie zerstört: Ein Jahr nachdem man die zweifache Mutter tot auffand, erhängte sich ihr Mann, der unter Verdacht geraten war, in den Fall verwickelt zu sein. Zu Unrecht, wie sich herausstellte. Die Entführung der Maria Bögerl ist bis heute ungeklärt.

Jakob von Metzler

Geklärt werden konnte hingegen der Fall des elfjährigen Bankierssohnes Jakob von Metzler, der am 27. September 2002 auf seinem Schulweg in Frankfurt am Main entführt wurde. Der Täter forderte, um seinen luxuriösen Lebensstil finanzieren zu können, von den Eltern des Opfers eine Million Euro und konnte bei Übergabe des Lösegelds von der Polizei als der 27-jährige Jusstudent Magnus Gäfgen identifiziert werden. Doch Jakob Metzler war zu diesem Zeitpunkt bereits tot, der Entführer hatte ihn, noch ehe der Erpresserbrief geschrieben worden war, ermordet. Gäfgen wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.In Österreich wurden in den 1970er-Jahren mehrere Geschäftsleute, Industrielle und deren Angehörige entführt, doch gingen die Fälle zum Glück glimpflicher aus:

Bensdorp-Entführung

Hans Bensdorp war Österreichs erstes Entführungsopfer. Kidnapper zerrten den Sohn eines bekannten Schokoladefabrikanten am 2. Jänner 1971 in ein Auto und zwangen ihn zu einer 24-stündigen Irrfahrt Wien-Salzburg und retour. Als sie den 25-jährigen Theologiestudenten nach Übergabe der geforderten 250.000 Schilling noch immer nicht freiließen, setzte eine Verfolgungsjagd der Gendarmerie ein, die auf der Westautobahn bei Melk ihr Ende fand: Bensdorp blieb unverletzt, die Kidnapper gingen in Haft."Es war die blanke Angst ums Überleben", erinnerte sich Hans Bensdorp später. "Jemand, der so etwas nicht erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, was es bedeutet, mit einer Pistole an der Schläfe einer ungewissen Zukunft entgegenzusehen." Bensdorp wurde nach der Entführung Pfarrer in Wien-Hetzendorf, heute ist der 70-Jährige Rektor der Kirche Johannes der Täufer in Wien-Margareten.

Der Fall Palmers

Sechs Jahre nach Bensdorp kam es zur Entführung des nicht nicht minder prominenten Industriellen Walter Michael Palmers. Der 74-jährige "Strumpfkönig" wurde am 9. November 1977 von seiner Villa in Wien-Währing in eine Wohnung nach Mariahilf verschleppt. Als die Geiselnehmer 30 Millionen Schilling kassiert hatten, ließen sie ihr Opfer frei. Palmers fuhr im Taxi nach Hause und begrüßte seine Frau mit den Worten: "Ich habe mich zum Nachtmahl um 100 Stunden verspätet."Neben drei Österreichern wurden Mitglieder der deutschen Terror-Organisation "Rote Armee Fraktion" ( RAF) als Drahtzieher gefasst, doch der Großteil der Beute blieb verschwunden. Vier Wochen nach Palmers wurde in Wien die Frau des Textilkaufmanns Leopold Böhm ("Schöps") entführt – und nach Zahlung von 27 Millionen Schilling Lösegeld freigelassen.

Das Lindbergh-Baby

Die bis heute weltweit Aufsehen erregendste Entführung betraf den Sohn des Flugpioniers Charles Lindbergh. Der eineinhalbjährige Bub war am 1. März 1932 aus seinem Zimmer in der Familienvilla in New Jersey gekidnappt worden. Obwohl Tausende Polizisten im Einsatz waren und Lindbergh die geforderten 50.000 Dollar Lösegeld zahlte, wurde das Kind nach zwei Monaten tot aufgefunden. Die Polizei verhaftete den Deutschen Bruno Richard Hauptmann, in dessen Wohnung man einen Teil des Lösegelds fand. Er wurde zum Tod verurteilt und auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Schleyer und Aldo Moro

Von RAF-Terroristen erschossen wurde der am 5. September 1977 entführte deutsche Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Und das ranghöchste Entführungsopfer war Italiens langjähriger Ministerpräsident Aldo Moro, den am 16. März 1978 in Rom Angehörige der "Roten Brigade" entführten, wobei fünf Leibwächter erschossen wurden. 55 Tage später fand man Aldo Moros Leiche im Kofferraum eines Renault 4, nachdem die Forderung der Täter nach Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen von der italienischen Regierung abgelehnt worden war. Auch das Angebot von Papst Paul VI., als Geisel gegen Moro ausgetauscht zu werden, wurde nicht angenommen.

Paul Gettys Schicksal

Eiskalt reagierte einer der reichsten Männer der Welt, der Öl-Milliardär Paul Getty, als im Juli 1973 sein 17-jähriger Enkel Paul Getty III. in Rom entführt wurde. Sagte er doch, als die Kidnapper Lösegeld forderten: "Ich habe noch 14 Enkel, wenn ich jetzt zahle, wird man die auch entführen."

Als bald darauf in einer Zeitungsredaktion das abgeschnittene Ohr seines Enkels eintraf, zahlte er drei Millionen Dollar. Getty jun. wurde nach fünfmonatiger Gefangenschaft freigelassen, und die Gangster konnten, da das Lösegeld markiert war, ausgeforscht werden.

Paul Getty traf das Schicksal besonders hart: Er wurde nach seiner Freilassung drogenabhängig, fiel 1981 mit einer Überdosis ins Koma und blieb, als er erwachte, blind, gelähmt und unfähig zu sprechen. Paul Getty III. starb im Februar 2011.

Kriminalfall Oetker

Zu den spektakulärsten Fällen der deutschen Kriminalgeschichte zählt die Entführung des 24-jährigen Industriellensohnes Richard Oetker. Der Student wurde im Dezember 1976 in eine enge Holzkiste gesperrt und durch Stromschläge beinahe getötet. Der Kidnapper ließ ihn nach 47 Stunden gegen Zahlung von 21 Millionen D-Mark Lösegeld frei. Er wurde gefasst und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Oetker ist bis heute gehbehindert.

Die Entführung des Jan Philipp Reemtsma

Knapp 20 Jahre nach Oetker sorgte der Fall des 44-jährigen Literaturprofessors Jan Philipp Reemtsma für Schlagzeilen. Der Sohn eines deutschen Zigarettenfabrikanten wurde am 25. März 1996 in Hamburg gekidnappt und 33 Tage in einem Keller festgehalten. Versuche, das Lösegeld in Höhe von 30 Millionen D-Mark zu übergeben, scheiterten, da der Kidnapper Polizeipräsenz vermutete. Der Täter konnte später von privaten Ermittlern Reemtsmas gefasst werden. Der mit großer Brutalität Entführte beschrieb die schwersten Stunden seines Lebens in seinem Buch "Im Keller".

Wie er leiden die meisten Opfer unter den Folgen ihres Freiheitsentzugs und müssen die traumatischen Erlebnisse mit fachärztlicher Hilfe aufarbeiten. Kaum eine Geisel hat die Stunden des Schreckens unbeschadet an Körper und Seele verkraftet.