Chronik | Welt
23.06.2018

Ein Dorf wird verkauft - und neu erfunden

Zwei Österreicher sollen aus dem versteigerten Dorf Alwine ein Erfinder-Paradies machen

Idyllische Lage mit sehr viel Grün, kein Verkehr, kein Internet-Empfang, kein Supermarkt und kein Wirt: Eine Erholungsoase für gestresste Großstädter. Doch dafür ist Alwine nicht bekannt – stattdessen als „verkauftes Dorf“. Ein anonymer Immobilienbesitzer aus Berlin hat die Siedlung im deutschen Brandenburg vor rund drei Monaten um 140.000 Euro ersteigert. Die Geschichte ging um die Welt. Vorher kannte den 15-Einwohner-Ort kaum jemand. Auch nicht Gerhard Muthenthaler und Marijan Jordan. Die beiden Österreicher sind es jetzt allerdings, die Alwine zum „Erfinderdorf“ machen sollen.

Muthenthaler stammt aus Mühldorf in der Wachau. Das Provinzleben ist ihm nicht fremd. „Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, in Alwine zu leben“, sagt der Wahl-Berliner. Auch andere Menschen findenden Gedanken reizvoll. „Es haben sich tatsächlich Menschen gemeldet, die hier hinziehen wollen. Vor allem Künstler und Aussteiger“, erzählt er. Auch Kompagnon Jordan, dreifacher Vater mit Wurzeln in Vöcklabruck, kann dem etwas abgewinnen.

Zurück in die 1980er

Platz wäre genug. Die meisten Wohnungen stehen leer. Schon sehr lange. Eine „Zeitreise“ nennt Muthenthaler seine erste Besichtigung. „Da hängen noch die Miami Vice-Plakate an den Wänden“, schmunzelt er. Und ihm fiel auf: Der Rasen ist gemäht, die Büsche sind rund geschnitten. Was an einem rührigen Bewohner liegt, der die Siedlung nicht dem Verfall preisgeben will.

„Früher wurde hier Braunkohle abgebaut. Bis in die 1990er gab es hier sogar noch zwei Ärzte. Aber nach der Wende ist alles verfallen“, schildert Muthenthaler. Seither dürfte auch nicht mehr renoviert worden sein. Sichtbar wird das etwa an Haus Nummer 104. Das Dach ist undicht, das Mauerwerk feucht. „Das wird unser erstes Projekt. Damit die Leute sehen: Hier passiert was.“

Auch deshalb gibt es genug Platz für Erfindungen. „Wir brauchen Fenster, Dächer, Türen, Wandanstriche und Wasserhähne. Am besten energiesparend, schallschützend und intelligent“, sagt Muthenthaler. Also sind es in der ersten Phase entsprechende Betriebe, die Alwine mit neuen Technologien und Ideen von der Vergangenheit in die Zukunft bringen sollen.

Auch ein österreichisches Unternehmen ist mit an Bord. „Das ist für uns natürlich auch ein Marktauftritt in Deutschland. Wir sind zwar schon seit Jahren in Deutschland tätig, aber in dieser Region können wir unseren Bekanntheitsgrad noch steigern“, sagt der Geschäftsführer.

Gerüchteküche

Die Erwartungen an Muthenthaler und Jordan sind hoch. Denn so ein großes Labor für Experimente hat sonst kaum einer. Die Augen der Öffentlichkeit sind auf sie gerichtet. Auf der anderen Seite stehen die Forderungen und Befürchtungen der verbliebenen Bewohner. „Die größte Gefahr sind Gerüchte“, sagt Muthenthaler. Schon im ersten Gespräch sei deshalb klargestellt worden, dass alle Bewohner bleiben können – zum alten Mietpreis.

Wie der Plan für das Erfinderdorf aussieht? „Ne, ne. Wir haben keinen genauen Plan. Und einen Plan muss man ja auch über Bord werfen können“, sagt Muthenthaler. Schief gehen, davon ist er überzeugt, wird das Projekt dennoch nicht. „Der Druck treibt uns an.“

Verirrungen

Wobei: So planlos, wie er sagt, ist Muthenthaler dann doch nicht. Die Schuppen, die in Alwine stehen, will er für Erfindermessen nutzen. Schautafeln und ein Pfad zum nahe gelegenen Kokspresswerk-Museum (früher fand hier der Braunkohle-Abbau statt, Anm.) sollen rasch errichtet werden. Denn schon jetzt verirren sich täglich Neugierige nach Alwine. Und am 9. November, dem Tag der Erfinder (den hat er mit seinem Kompagnon vor Jahren selbst ins Leben gerufen), denkt er über das erste Dorffest nach.

Bis dahin pendelt er zwischen Alwine und den Erfinderberatungen in Berlin und Salzburg. Denn eigentlich sind Muthenthaler (Jurist) und Jordan (Informatiker) selbst Tüftler. „Aber wir haben uns auf den Beratungsjob spezialisiert.“ Dann muss er lachen. „Das klingt nicht besonders sexy. Das bedeutet: Büro, PC, Telefon, Messen und Unternehmer-Treffen. Mit dem Dorf haben wir die Möglichkeit, etwas Reales aufzubauen.“