Chronik | Welt
21.08.2017

Die unbeherrschbare Baustelle

Ein Neubau an anderer Stelle wäre vermutlich preisgünstiger.

Berlin Brandenburg "Willy Brandt", kurz BER. Die unendliche Geschichte um ein Baustellendesaster, um einen Flughafen, der nicht und nicht fertig gebaut werden kann, ist dem Nachrichtenmagazin Spiegel diese Woche mit 20 Seiten eine ihrer längsten Storys seit Jahren wert. Der lapidare Titel: "Made in Germany".

BER das ist in der Darstellung des Spiegel eine Geschichte über Inkompetenz, Größenwahn, Arroganz und Politikversagen. BER kostet pro Monat 360 Millionen Euro und die Gefahr ist groß, dass der Flughafen, der 2012 hätte eröffnet werden sollen, niemals in Betrieb gehen kann. Eine nachträglich eingebaute Steckdose schlägt tatsächlich mit 36.000 Euro zu Buche.

Fachleute glauben, dass der komplette Neubau eines Flughafens an anderer Stelle – in Brandenburg – wesentlich preiswerter wäre.

Von der Planung ab 1991 bis zum Spatenstich 2006 vergingen so viele Jahre, dass der Flughafen bereits bei der Eröffnung viel zu klein gewesen wäre. Statt das Flughafenprojekt privaten Investoren (Hochtief u.a.) mit einem Generalunternehmer zu überlassen, übernahmen die Stadt Berlin und der Land Brandenburg die Sache.

Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck spielten Bauherren – und Wünsch-Dir-Was: Neue Terminals, Fluggastbrücken, neue Zwischendecken, mehr Verkaufsflächen. "Als wäre es ein Spiel mit Legosteinen", schreibt der Spiegel. Der langjährige Technikchef, bei dem alle Fäden hätten zusammenlaufen müssen, arbeitete nur von Dienstag bis Donnerstag, daneben schrieb er seine Dissertation. Zu viele Häuptlinge lösten irgendwann ein Desaster aus.

Nicht mehr steuerbar

Ab 2010 war der Neubau ein Sanierungsfall. Weil es keinen Generalunternehmer gab, keine ordentliche Bauorganisation, zuviel Änderungen, beginnen Pfusch und Chaos. Wer das damals sagte, wurde zum Schweigen gebracht. Im April 2011 tauchte ein vertraulicher Bericht des Bauordnungsamtes auf, dass "bei gleichbleibender Verfahrensweise die Baustelle nicht mehr beherrschbar und steuerbar" sei.

"Es geht etwas ähnlich Unbegreifliches vor wie beim 7:1-Sieg der deutschen Fußballer über Brasilien im berühmten WM-Halbfinale", so der Spiegel, der mit mehreren Redakteuren sieben Monate das Desaster aufrollte. Firmen am Rande der Pleite ziehen Kabel wie sie wollen, sie improvisieren in letzter Not. Pläne gibt es keine mehr, oder sie werden verworfen, es werden Sprinklerköpfe angebracht, aber nicht ans Wasser angeschlossen, ordinäre Wände als Brandschutzwände ausgegeben. Der Eröffnungstermin im Juni 2012 ist nicht zu halten. Der Flughafen war nur zu 56 Prozent betriebsfähig.

Und heute, fünf Jahre später: 87 Prozent aller "Meilensteine" bei Planung und Bau seien erreicht. Aber nur 34 Prozent bei "prüfpflichtigen Anlagen" wie Brandmelder, Entrauchung, Feuerlöschung. Und im übrigen modert das Mobiliar bereits vor sich hin. Viele Ladenbesitzer die sich in BER eingemietet haben, sind inzwischen pleite. "In manchen Läden, die nie eröffnet werden konnten, stehen Maschinen herum, für die jetzt die Garantie abläuft, obwohl sie noch kein einziges Mal eingeschaltet wurden."