Chronik | Welt
31.08.2016

Der Wiederaufbau wird vermutlich zwei Generationen brauchen

Die Trauerfeier in Amatrice: Von 84 Millionen Euro Förderung kam nicht viel an.

"Italien ist eine verletzte Familie, die es aber schaffen wird", sagt Premier Renzi. Nach dem schweren Erdbeben in Mittelitalien mit 292 Toten herrscht Staatstrauer. Landesweit wehen die Fahnen auf Halbmast.

Am späten Nachmittag fand in Amatrice, dem Ort mit den meisten Todesopfern, eine riesige Trauerfeier unter freiem Himmel statt. An dem Begräbnis nahmen auch Premier Matteo Renzi und sein rumänischer Amtskollege Dacian Ciolos teil. Elf rumänische Staatsbürger verloren bei dem Beben ihr Leben. 2900 Menschen wurden obdachlos und sind nun in Zeltlagern untergebracht. Laut offiziellen Angaben gibt es noch zehn Vermisste.

Beisetzungen

Nach Protesten werden die Toten nun doch in Amatrice beigesetzt. Ursprünglich hätte die Trauerfeier in der 60 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Rieti stattfinden sollen. Unter den Opfern sind auch zahlreiche Ausländer: Viele Rumänen lebten in dem Apennin-Dorf und arbeiteten vorwiegend in der Gastronomie. Ein britisches Ehepaar und sein 14-jähriger Sohn wurden unter den Trümmern ihrer Ferienvilla begraben. Außerdem verloren eine junge Frau aus Spanien sowie ein Kanadier und ein Albaner ihr Leben.

Nach der Katastrophe muss ein rascher Wiederaufbau organisiert werden. Premier Renzi holte sich Rat bei Stararchitekt Renzo Piano. Laut Einschätzung des renommierten Architekten werde der Aufbau mindestens zwei Generationen dauern: "Die Häuser der erdbebengefährdeten Apennin-Bergregion, die sich von Nord- bis Süditalien erstreckt, müssen von Grund auf modernisiert werden, damit sie künftig Erdstößen standhalten."

Maximal Kontrolle

Wie immer nach Katastrophen wird viel versprochen: "Wir werden prüfen, wie jeder Cent für den Wiederaufbau ausgegeben wird", versicherte Renzi, "wir müssen weiteren Katastrophen vorbeugen." Die Regierung wird einen Plan vorstellen, um die Sicherheit der Immobilien in Erdbebenzonen zu erhöhen.

Kampf der Mafia

Bei aller Eile müsse jedoch Korruption und Mafia-Infiltrationen verhindert werden. Die Anti-Korruptions-Behörde wurde eingeschaltet. Nach dem schweren Erdbeben von L’Aquila 2009 erhielt auch die Provinz Rieti, in der sich die Erdbebengemeinden Amatrice und Accumoli befinden, Förderungen in der Höhe von 84 Millionen Euro zur Erdbebensicherung. Staat und Kirche schossen weitere Millionen zu.

Doch die Gelder wurden nur zu einem verschwindend geringen Teil in die Prävention investiert. Anschauliches Beispiel dafür sind die Brücken nach Amatrice. Das Bergdorf ist über zwei schmale Brücken erreichbar. Beide Zugänge sind nach dem Erdbeben schwer einsturzgefährdet und wurden aus Sicherheitsgründen gesperrt.

2014 hätten 600.000 Euro zur Sicherung der Brücken investiert werden sollen. Die Arbeiten scheiterten, da die Provinz Riete fast bankrott ist und die von ihr erforderliche Quote von 170.000 Euro für das Projekt nicht aufstellen konnte. Weiters hätten zwischen Accumoli und Amatrice zehn Kirchen dringend gesichert werden müssen. Darunter auch der Kirchturm von Accumoli, der in der Erdbebennacht auf das Nachbarhaus stürzte und eine Familie unter sich begrub.

Fehlinvestitionen

Die Tageszeitung La Repubblica listet einen Auszug der Fehlinvestitionen in puncto Erdbebenprävention auf: 200.000 Euro flossen in die Schule Capranica, die fast gänzlich einstürzte. 250.000 Euro wurden für die Restaurierung der nun völlig zerstörten Chiesa Santa Maria Liberatrice investiert. Mit 400.000 wollte man das Theater am Corso von Amatrice sanieren – letzten Mittwoch versank es im Erdboden. 260.000 Euro wurden in der Restaurierung der Chiesa di Sant'Angelo (Amatrice) gesteckt. Zwei Wochen nach der Eröffnung liegt die Kirche in Trümmern.