Chronik | Weltchronik
29.11.2016

Das Ende eines Fußball-Traums

Die Chartermaschine stürzte in bergigem Gelände ab © Bild: AP/Luis Benavides

75 Tote, drei Fußballer, zwei Crewmitglieder und ein Passagier haben überlebt.

von Tobias Käufer, Bogota

Ganz leise singen die Fans das Lied, das jeder brasilianische Fußball-Fan so verinnerlicht hat: "Ich bin Brasilianer, voller Stolz", diesmal fügen sie noch den Namen ihres Klubs hinzu: Chapecoense. Normalerweise brüllen sie diesen Song, doch die Trauer schnürt ihnen die Kehle zu.

Die Szenen, die sich in Brasilien wenige Stunden nach dem Absturz eines Charterfliegers in den Anden bei Medellín abspielen, sind gespenstig. Die Fans trauern um ihre Mannschaft, der Präsident Michel Temer ordnete Staatstrauer an.

In Chapecó, der Heimat der Chapecoense, einer Provinzstadt im Westen des Bundesstaats Santa Catarina, hatte man sich auf den größten Tag der Vereinsgeschichte gefreut: Erstmals hat der kleine Klub das Finale eines internationalen Klubwettbewerbs, des Copa Sudamericana, erreicht, vergleichbar mit der Europa League. Chapecoense hat nicht die Strahlkraft eines großen Klubs, dafür eine kleine, aber treue Fangemeinde.

Am Boden zerstört

Gastgeber wäre Atletico Nacional aus Medellín gewesen. Die aktuell beste Klubmannschaft des Kontinents, Gewinner der südamerikanischen Champions League, wollte ebenfalls Geschichte schreiben. Mit Trainer Reinaldo Rueda, der drei Jahre lang an der Sporthochschule in Köln studierte, wollten sie auch das zweite südamerikanische Clubfinale innerhalb eines Jahres gewinnen. Und in zwei Wochen bei der Klub-WM in Japan Real Madrid vom globalen Thron stoßen.

"Ich bin am Boden zerstört. Meine Gedanken und Gebete sind bei den Angehörigen der Spieler von Chapecoense", sagt Trainer Rueda im Gespräch mit dem KURIER. "Alles andere ist zweitrangig."

Auch Paulo Rink ist entsetzt. "Ich habe viele Spieler persönlich gekannt", sagt der deutsche Nationalspieler. Er war Mitte der 1990er-Jahre Torjäger des Klubs. "Ein kleiner, aber sehr herzlicher Klub, der mir die Chance gegeben hat, mich zu beweisen." Von Chapecoense ging es nach Leverkusen und später – mit deutschem Pass – auch bis in die Nationalmannschaft.

Rink ist inzwischen Kommunalpolitiker in seiner Heimatstadt Curitiba: "Ich stand mit dem Klubpräsidenten in Kontakt und habe geholfen, das Finale vorzubereiten. Ich weiß nicht, wie es mit Chapecoense weitergehen soll. Die Mannschaft ist ja praktisch ausgelöscht."

Unter den Toten sind auch 20 brasilianische Sportjournalisten. Nur drei Spieler dürften überlebt haben: die Verteidiger Alan Ruschel, 27, und Hermito Zampier Neto, 31, sowie Ersatztormann Jackson Follmann, 24. Auch eine Stewardess mit deutschen Wurzeln, ein Techniker sowie ein Journalist seien gerettet. Doch verlässliche Nachrichten aus der schwer zugänglichen Region gibt es kaum. DPA weiß, dass Lionel Messi erst vor drei Wochen mit dem Unglücksflieger vom Typ Avro RJ85 der bolivianischen Gesellschaft Lamia geflogen ist. Lamia bietet Charterflüge an, auch die argentinische Nationalelf bestieg den Unglücksflieger.

Berüchtigter Flughafen

Der Flughafen von Rionegro liegt etwa 45 Minuten außerhalb von Medellín in den Anden. Airbus ließ hier seinen A380 testen, weil die Techniker wissen wollten, wie der Riesenflieger auf Starts und Landungen in der Höhe reagiert. Der Flughafen ist auch berüchtigt wegen des wechselnden Wetters: Gewitter und Nebel machen es den Piloten schwer. Absturzursache des Fliegers vom Typ RJ85 sollen elektronische Probleme gewesen sein. Oder Treibstoffmangel. Die Piloten meldeten Probleme.