Britische Polizei wehrt sich gegen US-"Supercop"

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Premier Cameron will für eine "Null-Toleranz-Politik" sorgen und engagiert einen US-Banden-Experten. Für die britische Polizei "ein Schlag ins Gesicht".

Nach den tagelangen Krawallen in Großbritannien hat Premierminister David Cameron den Randalierern eine "Null-Toleranz-Politik" angedroht. Angesichts der Plünderungen und Brandstiftungen würden sich "die Dinge eindeutig verändern", sagte der konservative Regierungschef gegenüber der Sonntagszeitung Sunday Telegraph.

Vor allem gegen kriminelle Jugendbanden will Cameron in den betroffenen Stadtvierteln jetzt konsequent vorgehen. Ähnlich wie in den USA beherrschen diese Gangs vielerorts die Straßen. Die Polizei steht dem Phänomen oft hilflos gegenüber. Ein Experte aus den USA soll sie in Zukunft unterstützen. Bill Bratton, früherer Polizeichef von New York, Los Angeles und Boston, ist vom Premier als Berater für die Sicherheitskräfte engagiert worden.

Der 64-Jährige mit dem Spitznamen "Supercop" hatte in seiner Zeit als Polizeichef große Erfolge gegen die Jugendkriminalität erzielt. Gemeinsam mit dem damaligen New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani hatte er etwa die "Null-Toleranz"-Taktik durchgesetzt. Dabei wurde jeder Polizist verpflichtet, selbst gegen kleinere Vergehen wie das Schwarzfahren in der U-Bahn oder Alkoholtrinken in der Öffentlichkeit einzuschreiten und Strafen zu verhängen. In einem Interview mit dem US-Sender ABC betonte Bratton aber kürzlich, Menschen ins Gefängnis zu stecken, werde das Problem auf Dauer nicht lösen.

Kritik an "Supercop" und Kürzungen

Während in London dieses Mal friedlich demonstriert wurde, flogen in Nordirland Brandbomben.
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Die britische Polizei wehrt sich unterdessen gegen die Berufung von Bratton. Polizeigewerkschaften in London und Manchester sprachen am Samstag von einer Beleidigung ihrer Arbeit. "Die amerikanische Polizeiarbeit wird bestimmt durch Gewalt", sagte etwa Paul Deller von der Metropolitan Police Federation, die mehr als 30.000 Polizisten in der Hauptstadt London vertritt. "Wir wollen das in diesem Land nicht." Deller warf der britischen Regierung vor, Brattons Strategie gar nicht ernsthaft umsetzen zu wollen. Dieser habe in New York und Los Angeles die Zahl der Polizisten auf den Straßen erhöht, "während wir eine Regierung haben, die genau das Gegenteil tun will".

Kritik an dem Einsatz von Bratton kam auch von der Vereinigung hoher britischer Polizeibeamter. Die britische Polizei verstehe die Gesetzeslage im eigenen Land sehr viel besser und sei absolut geeignet, den Premierminister zu beraten, hieß es unter anderem von der Association of Chief Police Officers: "Warum fragt der Premierminister nicht uns?"

"Schlag ins Gesicht"

Von einem "Schlag ins Gesicht" sprach der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft in Manchester, Ian Hanson. Gegenüber dem Sender ITV News erklärte er, die Beamten an Ort und Stelle wüssten besser, was in ihren Gemeinden zu tun sei, als jemand, der 5.000 Meilen weit weg wohne. Die heimische Polizei brauche keinen solchen Ratgeber, sondern mehr Geld statt Personalkürzungen. Hanson verwies auf Pläne der Regierung, im Rahmen eines Sparprogramms in den kommenden vier Jahren 16.000 Polizistenstellen abzubauen. Doch Finanzminister George Osborne machte in einem Interview mit dem Radiosender BBC deutlich, dass an der Polizeireform werde nicht gerüttelt werde.

Auch die die Metropolitan Police Federation stellte sich erneut gegen die geplanten Kürzungen. In Zukunft werde man wegen der Kürzungen weniger statt mehr Polizisten auf der Straße sehen. Auch könne es passieren, dass verurteilte Straftäter früher aus den Gefängnissen entlassen würden, weil es nicht genug Plätze dort gebe.

Ausschreitungen auch in Nordirland

Während in London dieses Mal friedlich demonstriert wurde, flogen in Nordirland Brandbomben.
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Eine Parade der Protestanten in der nordirischen Stadt Londonderry (Derry) hat am Samstag zu ähnlichen Ausschreitungen geführt, wie sie in der vergangenen Woche London und andere englische Städte erschütterten. Nach Angaben einer Polizeisprecherin brachten Randalierer am Nachmittag mehrere Autos und Lastwagen in ihre Gewalt und bewarfen Polizeifahrzeuge mit Brandbomben. In einem Fall hätten die Angreifer eine Frau und ihre Tochter aus deren Wagen gezerrt und seien dann mit dem Fahrzeug davongerast.

In mehreren Straßen der Innenstadt dauerten die Krawalle am Abend an. Autofahrer wurden aufgerufen, die betroffenen Viertel zu meiden. Vor allem Lieferwägen waren bevorzugtes Ziel von Brandbomben-Attacken. Der Umzug der Protestanten führt jedes Jahr im mehrheitlich katholischen Londonderry zu Spannungen und Auseinandersetzungen. Doch erinnerten die Randale dieses Mal stark an die Krawalle der vergangenen Woche in England.

Weitere Festnahmen

Dort sind unterdessen zwei Verdächtige wegen des Mordes an drei Menschen bei den Randalen in Birmingham angeklagt worden. Wie eine Polizeisprecherin am späten Samstagabend sagte, handle es sich um einen 26 Jahre alten Mann und einen 17-Jährigen. Die beiden würden am Sonntag in Birmingham einem Gericht vorgeführt.

Bei den Unruhen waren am Mittwoch in Birmingham drei Männer offenbar mutwillig von einem Auto überrollt und getötet worden. Nach Angaben von Zeugen hatten die drei Geschäfte ihrer Wohngegend vor Plünderern schützen wollen. Wegen des Vorfalls in Birmingham sitzen den Angaben zufolge noch zwei weitere Verdächtige im Alter von 23 und 27 Jahren in Polizeigewahrsam. Ein 16-Jähriger und ein 32-Jähriger wurden auf Kaution entlassen.

Insgesamt hatte die Polizei nach den Ausschreitungen in Birmingham und umliegenden Ortschaften mehr als 500 Menschen festgenommen. Landesweit wurden seit Beginn der Randale vor einer Woche mit insgesamt fünf Toten mehr als 1.600 mutmaßliche Randalierer festgenommen. Die Gerichte arbeiteten in den vergangenen Tagen ohne Unterlass und sollten auch das Wochenende über tätig sein.

Am Pranger

Während in London dieses Mal friedlich demonstriert wurde, flogen in Nordirland Brandbomben.
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Während ein riesiges Polizeiaufgebot Großstädte von London bis Manchester weiterhin eisern unter Kontrolle hält, geht die öffentliche Jagd auf die jugendlichen Täter weiter.
Auf riesigen Videoleinwänden auf öffentlichen Plätzen werden Aufnahmen gezeigt, die die in England ohnehin omnipräsenten Überwachungskameras von den Ausschreitungen gemacht haben. Darunter die Aufforderung, Randalierer, die darauf zu sehen sind, der Polizei zu melden. Mit Erfolg. Selbst Eltern von plündernden Teenagern haben diese persönlich bei den Behörden angezeigt.

Doch Premier David Cameron will es nicht bei kurzfristiger Härte belassen. Der konservative Regierungschef betonte erneut, dass man viel zu lange "zu sanft" mit jugendlichen Gewalttätern umgegangen sei. Der konservative Regierungschef kündigte an, Menschen, die an den Unruhen beteiligt waren, das Recht auf Sozialwohnungen zu entziehen (siehe Hintergrund). Wer seine eigene Gemeinde ausraube, solle nicht länger das Recht haben, in Sozialwohnungen zu leben. Zwar werde das Leben für sie nun schwieriger, "aber daran hätten sie denken sollen , bevor sie mit Einbrüchen begannen".

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Erstellt am 05.12.2011