Chronik | Welt
02.06.2018

Bianca Jagger bekämpft den Ortega-Clan

Das Muttertags-Massaker von Managua – „Sie töten die Studenten wie Hunde. Das sind doch noch Kinder“

Es sind eine Handvoll Mütter, die die sandinistische Regierung von Daniel Ortega herausfordern. Sie nennen sich die „Madres de Abril“ (Mütter des April). Nun haben sie für den nicaraguanischen Muttertag zu einem Gedenkmarsch für ihre erschossenen Söhne und Töchter aufgerufen, die im April bei Demonstrationen getötet wurden. Doch auch dieser Mittwoch sollte in einem Blutbad enden. Mindestens 15 Tote in Managua und in anderen Städten.

Das ganze Ausmaß des über das ganze mittelamerikanische Land verteilten Blutbades wurde erst zum Wochenende bekannt. Die Opposition erhebt schwere Vorwürfe gegen das Ortega-Regime. Der Einsatz von regierungsnahen Schlägertrupps, Scharfschützen und der brutalen Polizei mache jede Demonstration zu einer lebensgefährlichen Mutprobe.

Eine Einschätzung, die auch Bianca Jagger (73), teilt. Die Ex-Frau von Rolling-Stones-Boss Mick Jagger, geboren in Nicaragua und seit vielen Jahren eine Verteidigerin von Menschenrechten, fällt ein vernichtendes Urteil: „Herr Präsident, hören Sie auf unsere Studenten zu ermorden“, sagt sie bei einer Pressekonferenz von Amnesty International. „Sie töten die Studenten wie Hunde. Das sind doch noch Kinder“.

Amnesty legt Hinweise vor, die auf außergerichtliche Hinrichtungen hindeuten. Ein Demonstrant wurde schrecklich zugerichtet unter einer Brücke gefunden. „Ich bin nach Managua gekommen, um die Regierung anzuklagen und Gerechtigkeit einzufordern,“ sagt Jagger. Als sie ihre Rede beendet klatschen die Journalisten Beifall. Regierungsnahe Sender widersprechen Jagger und zeigen ihrerseits Videos von bewaffneten Demonstranten, die für die Gewaltausbrüche verantwortlich seien. Ortega versichert: „Die Polizei hat keinen Schießbefehl.“ Er lehnt einen Rücktritt ab.

Seit Wochen wird Nicaragua von einer Protestwelle erschüttert. Als die Regierung den Senioren eine knallharte Rentenreform aufbürden wollte, kochte die Volksseele hoch. Erst gingen die Rentner auf die Straße, dann die Stundenten und die Kleinbauern, die Campesinos. Es ist ein Gemisch von Gründen, die die Wut hat aufsteigen lassen. Da sind die Vorwürfe der Wahlmanipulation: Ortega verhinderte bei den Wahlen 2016, dass sein härtester Rivale an dem Urnengang teilnehmen konnte. Dann ist da das mysteriöse 50-Milliarden-Projekt Nicaragua-Kanal, das dem Panamakanal Konkurrenz machen soll. Ob je gebaut wird, ist unklar, dich das Land wird rücksichtslos enteignet. Die Kontrolle über die Grundstücke meist in erstklassiger Lager hat der Ortega-Clan.

Kirche für Demos

Campesino-Sprecherin Francisca Ramirez, die in ihrem Kampf gegen die Enteignung der Kleinbauern von Jaggers Menschenrechtsstiftung aktiv unterstützt wird, sagt im Gespräch mit dem KURIER: „Wir danken Frau Jagger, dass sie dafür sorgt, dass die Welt nun nach Nicaragua schaut.“ Die katholische Kirche steht aufseiten der Demonstranten und öffnete Kirchen als Rückzugsräume. Managuas Weihbischof wird inzwischen mit dem Tode bedroht. Die Organisation Amerikanischer Staaten fordert Nicaragua auf, ihn zu schützen.