9/11: Blutige Rache

Krieg gegen den Terror: Die Anschläge in den USA lösten zwei Feldzüge aus - in Afghanistan und dem Irak starben Hunderttausende.

Als sich George W. Bush am Morgen des 11. September 2001 um neun Uhr in ein Klassenzimmer der Sarasota-Grundschule in der gleichnamigen Gemeinde in Florida setze, wusste er, was in New York vor sich ging. 15 Minuten zuvor war ein Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers gerast. Bush setzte sich und hörte den Schülern beim Vorlesen zu - eine Werbetour im Rahmen einer landesweiten Kampagne zur Förderung des Lesens. Dann das zweite Flugzeug. Sieben Minuten später wurde George W. Bushs Schulbesuch vorzeitig beendet. Am Abend desselben Tages sagte er: "Wir werden keinen Unterschied machen zwischen den Terroristen, die diese Tat ausgeführt haben, und denen, die ihnen Unterschlupf bieten. "

"Eine Weile dauern"

Stars & Stripes & Tod: Helm, ein Gewehr, ein Paar Stiefel – viele GIs kamen in den zwei Kriegen um.
© Bild: AP

Fünf Tage später war er ausgerufen, der Krieg gegen den Terror: "Dieser Kreuzzug, dieser Krieg gegen den Terror wird eine Weile dauern", kündigte Bush an. Der Krieg hat Bushs politische Laufbahn überlebt. Er dauert bis heute - ohne realistische Aussicht auf ein baldiges Ende. Es sollte ein Krieg werden, der die USA an den Rand des Ruins bringt. Und vor allem einer, der dem Image der USA beträchtlichen Schaden zufügt.

Am 7. Oktober 2001 begann der Krieg gegen den Terror mit dem Angriff auf Afghanistan. Und das unter dem Eindruck der Ereignisse von New York, Washington und Pennsylvania mit einem Mandat der UNO sowie beträchtlicher internationaler Unterstützung. Der UN-Sicherheitsrat hatte den Terroranschlag bereits am 12. September als "bewaffneten Angriff" eingestuft und den USA das Recht auf Selbstverteidigung eingeräumt. Die NATO hatte erstmals in ihrer Geschichte den Bündnisfall ausgerufen.

Was folgte, war die Operation Enduring Freedom. Der ferngesteuerte Krieg mit Marschflugkörpern, Drohnen, Jets und der aufgerüsteten Nordallianz gegen Taliban und El Kaida. Und scheinbar ein rascher Sieg. Heute ist Afghanistan der längste Kriegseinsatz der USA in der Geschichte - täglich fallen Soldaten. Nach zehn Jahren und Milliarden Dollar an Militärausgaben und Aufbauhilfe sind die internationalen Truppen weiter denn je von einem Sieg entfernt. Sie haben es kaum geschafft, sich in den Stammesstrukturen des Landes zurecht- und vor allem darin einen respektierten Platz zu finden. Das ursprüngliche Ziel, Afghanistan in eine Demokratie westlichen Zuschnitts zu verwandeln, ist außer Reichweite. Der für 2014 festgelegte Abzug aller US-Kampftruppen wirkt so wie ein Eingeständnis des Scheiterns.

George Bush war sich des Sieges in Afghanistan aber sehr sicher, als er am 29. Jänner 2002 von der "Achse des Bösen" sprach - und Nordkorea, den Iran und vor allem den Irak meinte. Der Großteil Afghanistans war erobert. Die NATO-Truppe ISAF kontrollierte Kabul. Die Provinzen des Landes wurden als militärisch irrelevant bewertet - ein fataler Fehler.

Bushs weiterreichende Auffassung von Selbstverteidigung erhielt nicht die Rückendeckung der UNO. Da halfen auch alle Versuche der USA nicht, der Weltgemeinschaft weiszumachen, dass Saddam Hussein an Massenvernichtungswaffen bastle, Kontakte zur El Kaida pflege und an den Anschlägen des 11. September beteiligt gewesen sei.

Die Irak-Lüge

Stars & Stripes & Tod: Helm, ein Gewehr, ein Paar Stiefel – viele GIs kamen in den zwei Kriegen um.
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Massenvernichtungswaffen, El Kaida - die Argumentations-Krücken für den Einmarsch in den Irak 2003 sollten sich später als völlig an den Haaren herbeigezogene Lügen herausstellen. Bush gab das später auch selbst zu, berief sich aber auf Fehler der CIA. Massenvernichtungswaffen wurden im Irak nie gefunden, und die El Kaida kam erst, nachdem die "Koalition der Willigen" den Irak erobert und Saddam Hussein entmachtet hatte. Die bemerkenswerteste Folge des Einmarsches sollte weniger die prophezeite Demokratisierung der gesamten arabischen Welt werden, als der folgende Bürgerkrieg.

Heute haben alle Kampftruppen den Irak verlassen. Aber wenn auch nicht mehr täglich, so gibt es doch wöchentlich Anschläge. Laut US-Verteidigungsministerium starben nach der Invasion von 2003 zwischen 2004 und 2009 109.000 Iraker. Davon 66.000 Zivilisten. Und 4792 ausländische Soldaten.

Der Abzug aus dem Irak war weniger ein politischer Zug als militärische Notwendigkeit, da den internationalen Truppen in Afghanistan die Kontrolle entglitt. In Afghanistan starben bis August dieses Jahres 2613 ausländische Soldaten - die zivilen Toten werden nicht gezählt. Mehrere Zehntausend sind es laut Schätzungen. Alles in allem kosteten die beiden Kriege die USA in den vergangenen 10 Jahren 1,2 Billionen Dollar.

Afghanistan: Bin Ladens Gastgeber

Vorgeschichte Seit 1996 beherrschten die Taliban de facto Afghanistan - mit Ausnahme kleiner Gebiete im Nordosten, die von der Nordallianz und der international anerkannten Regierung gehalten wurden. Deren charismatischer Militärführer Ahmad Schah Massoud wurde am 9. 9. 2001 bei einem Anschlag ermordet. Während der Herrschaft der Taliban hatte es die El Kaida geschafft, quasi einen Staat im Taliban-Staat zu schaffen - sehr zum Missfallen einiger Taliban-Kommandanten.

Legitimation Am 12. September 2001 erteilte die UNO den USA das Recht auf Selbstverteidigung. Am 4. Oktober erklärte die NATO den Bündnisfall.

Verlauf Am 7. Oktober begannen die Angriffe auf Afghanistan. Am 7. Dezember fiel mit Kandahar die letzte Taliban-Festung. Die Aufmerksamkeit der ausländischen Truppen richtete sich aber nur auf Kabul. Erst 2003 wurde das NATO-Mandat ausgeweitet. Taliban und El Kaida formierten sich in Pakistan neu.

Irak: Ein alter Staatsfeind, neu entdeckt

Vorgeschichte Die USA und den Irak unter Saddam Hussein verband eine Feindschaft seit Beginn der 90er-Jahre, die 1991 im Zweiten Golfkrieg gipfelte. Seither galten internationale Strafmaßnahmen - wie ein Embargo, um zu verhindern, dass der Irak Massenvernichtungswaffen baut. Saddam Husseins Regime verurteilte die Anschläge in den USA nicht. Der Irak geriet schließlich ins Visier der USA, die Saddam Hussein als Gefahr für die internationale Sicherheit darstellten.

Legitimation Um eine Militärintervention zu rechtfertigen, versuchten die USA nachzuweisen, dass der Irak Giftgas herstellt. Alle Hinweise stellten sich später als gefälscht heraus. Ebenso alle Verbindungen Saddam Husseins zur El Kaida. Ein Mandat der UNO gab es nicht.

Verlauf Am 20. März 2003 begannen die Angriffe der USA und ihrer Verbündeten. Am 14. April wurde der Krieg vom Pentagon für beendet erklärt. Ein blutiger Bürgerkrieg folgte.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011