Walfang in Island – Tradition oder politisches Kalkül?
von Marieke Rabe
Der kürzliche Sabotageversuch mehrerer Aktivisten an einem Walfangschiff an der isländischen Küste hat die internationale Debatte über den Walfang erneut entfacht. Alle 21 Crewmitglieder des beschlagnahmten Schiffs „Bandero“ wurden des Landes verwiesen und mit einem zweijährigen Wiedereinreiseverbot belegt. Sie versuchten, ein Walfangschiff des einzigen aktiven Walfangunternehmen „Hvalur“ zu sabotieren. Ihre Bemühungen, das Boot zu rammen und die Schiffsschrauben zu behindern, waren vergeblich. Ziel soll es gewesen sein, die Walfänger auf offener See zu stören.
Der Vorfall zeigt erneut, wie kontrovers das Thema bis heute ist und wirft wieder einmal die Frage auf, warum Island trotz Kritik weiterhin am Walfang festhält. Während Umweltorganisationen und Tierschützer ein Ende fordern, verteidigen Politik und Walfangindustrie es als Teil der isländischen Tradition. Doch wie viel Wahrheit steckt tatsächlich hinter diesem Argument?
Der Mythos der Tradition
Obwohl fast ein Viertel der bekannten Walarten vom Aussterben bedroht sind, gehört Island neben Norwegen und Japan zu den wenigen Ländern, die kommerziellen Walfang weiterhin betreiben. Vor allem Finnwale sind weltweit streng geschützt, zählen in Island aber zu denen, die häufig gefangen werden.
Nach einer zweijährigen Pause wurde im Juni erstmals wieder Jagd auf Wale gemacht. Dies wird insbesondere von älteren Menschen sowie in Küsten- und ländlichen Regionen unterstützt. Für viele Isländer ist Walfang untrennbar mit der Fischerei verbunden. Wer den Walfang kritisiert, greift aus ihrer Sicht auch ein Stück nationaler Identität und das Recht an, die eigenen Meeresressourcen selbst zu nutzen.
Dabei wird häufig übersehen, dass die organisierte Jagd auf Wale keine jahrhundertealte Praxis, sondern vor allem eine Entwicklung der Industrialisierung ist. Zwar nutzen die ersten Siedler Islands gestrandete Wale als wichtige Nahrungsquelle. Der brutale, kommerzielle Walfang, wie man ihn heute kennt, entstand allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts mit modernen Fangschiffen.
Ein Wirtschaftszweig ohne Zukunft
Auf den ersten Blick scheint das Geschäft mit Walfleisch ein lukratives zu sein. Das entspricht aber kaum der Wahrheit. Seit 2003 wird in Island wieder Jagd auf Zwergwale gemacht, seit 2009 auch auf Finnwale, allerdings mit mehreren Unterbrechungen. Auch zwischen 2024 und 2026 ruhte der Walfang. Der Grund: Der Markt für Walfleisch ist einfach viel zu klein und schrumpft weiter.
Jahrzehntelang war Japan der wichtigste Abnehmer. Heute ist die Nachfrage dort massiv eingebrochen und wird weitgehend durch den heimischen Fang gedeckt. Auch die Isländer selbst essen kaum noch Walfleisch. Es wird überwiegend Touristen angeboten. Und: Lebendige Wale bringen mehr Geld. Das Beobachten von Walen in ihrem natürlichen Lebensraum, auch „Whale Watching“ genannt, hat sich zu einem wichtigen Bestandteil des isländischen Tourismus entwickelt.
Warum wird trotzdem weitergejagt?
Wenn wirtschaftliche Gründe kaum noch überzeugen, rückt die Politik in den Mittelpunkt. Die Fischerei, die eng mit dem Walfang verbunden ist, zählt zu den einflussreichsten Branchen Islands und lehnt eine stärkere Einmischung von außen traditionell ab. Da ein möglicher EU-Beitritt Islands ein Ende des kommerziellen Walfangs bedeuten würde, vermuten Kritiker, dass die Debatte bewusst genutzt wird, um nationale Souveränität zu betonen und die Skepsis gegenüber der Europäischen Union zu verstärken. Der Walfang wäre damit weniger ein wirtschaftliches Geschäft noch eine langjährige Tradition, sondern vielmehr ein Mittel politischer Symbolik.
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