Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Erdbeben in Venezuela: „Sie wissen, dass ihre Familien darunter begraben liegen“

Nach den verheerenden Erdbeben in dem südamerikanischen Land wurden bislang 1.450 Tote gemeldet. Tausende werden noch unter den Trümmern vermutet.
VENEZUELA-EARTHQUAKE

Dass Aaron Levi Cantillo Vargas noch am Leben ist, grenzt an ein Wunder. 106 Stunden lang lag der 21-Jährige unter den Trümmern eines Gebäudes im nordvenezolanischen La Guaira. Dann, am frühen Montagmorgen, wurde er endlich von einem internationalen Rettungsteam befreit.

Es sind Geschichten wie diese, die den Venezolanerinnen und Venezolanern derzeit Hoffnung geben – und am fünften Tag nach den verheerenden Erdbeben in dem südamerikanischen Land immer seltener werden. „Das kritische Zeitfenster von 72 bis 96 Stunden, in dem die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, aus den Trümmern noch Lebende zu retten, ist mittlerweile abgelaufen“, sagt Christopher Bachtrog, Katastrophenmanager beim Österreichischen Roten Kreuz, zum KURIER. Bislang wurden fast 1.500 Tote und mehr als 3.000 Verletzte gezählt. Die Verzweiflung im Land sei gewaltig: „Menschen sitzen vor Gebäudetrümmern, weil sie wissen, dass ihre Familie darunter begraben liegt.“

Wie viele Verschüttete es gibt, ist noch unklar. Manche - nicht unabhängig überprüfbare - Quellen sprechen von bis zu 50.000 Vermissten. Die US-Erdbebenwarte USGS rechnet mit bis zu 10.000 Todesopfern. „Die Zahlen gehen sehr weit auseinander. Beim Roten Kreuz sind bislang 2.000 Suchanfragen für Vermisste eingegangen“, so Bachtrog.

Hunderte Nachbeben

Klar ist, die Zerstörung, die die zwei Beben der Stärke 7,2 und 7,5 am Mittwochabend sowie über 430 seither gemessene Nachbeben in dem Krisenland angerichtet haben, ist gewaltig. Tausende Familien sind obdachlos, haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und leben unter äußerst prekären hygienischen Bedingungen. „Wir haben einzelne Niederlassungen, in denen über 1.000 Menschen in improvisierten Zelten oder Unterkünften unterkommen.“

Das ohnehin marode Gesundheitssystem ist völlig überlastet: „Landesweit wurden 38 Krankenhäuser entweder komplett zerstört oder so stark beschädigt, dass kein Betrieb stattfinden kann. Für die erste Notversorgung hat das Rote Kreuz drei medizinische Einrichtungen direkt in den Katastrophengebieten aufgebaut, mobile Ambulanzen wurden aus anderen Landesteilen in die am schwersten betroffenen Gebiete geschickt.“

UNICEF schätzt, dass infolge der Katastrophe 1,8 Mio. Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind – zusätzlich zu den fünf Millionen, die nach UN-Schätzungen bereits zuvor in Not lebten.

Kritik am Krisenmanagement

In den letzten Tagen wurde Kritik am Krisenmanagement der venezolanischen Regierung laut. Die Hilfe, so heißt es vielerorts, treffe gar nicht oder viel zu langsam ein. „Wir hatten bislang keine Probleme, Zugang zu betroffenen Gebieten zu erhalten“, sagt dazu Benedetta Lettera, Programmleiterin von Aktion gegen den Hunger für Lateinamerika zum KURIER. „Aber es gibt natürlich viele Menschen, die noch keine Hilfe erhalten haben. Das Ausmaß der Zerstörung ist enorm.“

Gleichzeitig beschreibt die Hilfsarbeiterin eine gewaltige Welle der Solidarität: Viele der Geretteten seien von Nachbarn mit bloßen Händen aus den Trümmern gezogen worden. „Die Venezolaner sind daran gewöhnt, sich als Gemeinschaft zu verstehen. Sie helfen seit der ersten Minute.“

Kommentare