Chronik | Welt
14.08.2018

Schiebung? Die besten Reaktionen aus Australien auf Wiens ersten Platz

Die Erschütterung ging um den Globus: Melbourne ist nicht mehr die lebenswerteste Stadt. Die Australier nehmen es mit Humor.

Nach sieben Jahren an der Spitze des Städterankings der Economist Intelligence Unit muss die australische Metropole Melbourne die Krone der lebenswertesten Stadt heuer abgeben – an Wien. Die Bundeshauptstadt war Melbourne schon in den vergangenen Jahren hart auf den Fersen gewesen. Jetzt hat es geklappt. Der Grund: der Rückgang der Kriminalität und der Terrorgefahr. Angeblich. Viele Melbourner wollen, ja können es nicht wahrhaben.

Bereits am Tag der Verkündung hat die Aufarbeitung der schmerzlichen Niederlage begonnen: War es das schnelle Wachstum Melbournes, das Wien zum Sieg verhalf? Oder die 2017 beschlossenen Einschränkungen für Fiaker in Melbourne? Ist wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen?

Die wichtigsten Reaktionen aus „Down Under“:

Die Bürgermeisterin von Melbourne, Sally Capp, betreibt bereits Ursachenforschung: "Sie haben eine sehr gute Sicherheitsbewertung, das ist einer der Bereiche, wo wir uns verbessern können", sagte sie dem Melbourner Radiosender 3AW. Wo sich Wien besonders hervortue, sei die niedrige Rate bei der Kleinkriminalität. Außerdem könne sich Melbourne bei der Verkehrslage und Obdachlosigkeit verbessern. 

Melbourne sei aber auch "Opfer des eigenen Erfolgs". Die Stadt sei stark angewachsen, was es erschwere, die Lebensqualität in gleichem Maße zu halten. "Man muss bedenken, dass Wien eine Einwohnerzahl von rund 1,8 Millionen hat und unsere derzeit bei 4,6 Millionen liegt."

Die Bürgermeisterin ließ es sich jedenfalls nicht nehmen, Wien herzlich zu gratulieren: 

Weckruf

Inzwischen wurde schon ein Ökonom herangezogen, um die Schmach zu analysieren. "Es ist ein Weckruf", zitiert The Age den Städteranking-Experten Daniel Terrill. Es handle sich zwar nur um einen kleinen Absacker für Melbourne, aber solange Melbourne wachse, könne man das Niveau der Lebensqualität nicht als selbstverständlich betrachten. 

Schiebung?

Aber nicht alle "Melburnians" reagieren mit Herzlichkeit, manche versuchen es mit Humor. Ein Redakteur der australischen Nachrichtenseite news.com.au lässt seiner authentischen Empörung freien Lauf. Zweiter werden bedeute ja nur, der erste Verlierer zu sein. Der größte gar?

"Coming second isn’t so bad, right? Wrong. It means you’re the first loser. If anything, the biggest of all the losers."

Und er äußert einen schrecklichen Verdacht: Hat Österreich zu unlauteren Mitteln gegriffen? War die Sache geschoben? Schließlich sei die Stadt jahrelang nur Zweiter geworden. "Schwer zu sagen, was das mit einem Land anstellt."

"Did Vienna line somebody’s pockets? It’s hard to say what finishing second for seven consecutive years would make a country do."

Es ist nicht vorbei

Zeit, die wahren Experten zu Wort kommen zu lassen: die Bürger. Fünf Tage sind sicherlich genug, um Wien glaubwürdig positiv bewerten zu können (so lange man hier keinen Spitalsplatz sucht).

"Ah, Viennaaaaaah…"

Aber wer vermag die Lebensqualität besser zu beurteilen, als jene, die schon in beiden Städten gelebt haben? Der Sidney Morning Herald hat zwei solcher Leute aufgetrieben und um ihre Meinung gebeten. Und die fiel sehr zugunsten Wiens aus, obwohl das Rauchen in Lokalen und die harschen Winter Abzüge bringen. Die Reputation Österreichs für "rechten Konservatismus" und "sogar Extremismus" gelte für Wien nicht. Zusammengefasst:

Pro Wien

  • Urbanes Lebensgefühl
  • Schöne Architektur
  • Coole Cafés und Bars
  • Kulturangebot
  • Effiziente öffentliche Verkehrsmittel für einen Euro am Tag
  • Fahrrad-Kultur
  • Bier in Gläsern (anstatt Bechern)
  • Sicherheit
  • Geringe Kosten für Kinderbetreuung
  • Heurigen
  • Wienerwald
  • Gemütlichkeit
  • Weniger Trunkenheit in der Öffentlichkeit

Contra:

  • Kalte, dunkle Winter (hier punktet Melbourne besonders)
  • Hundstrümmerl
  • Rauchen in Lokalen
  • Keine Sonntagsöffnung
  • Sehr viel Schweinefleisch (und Strudel)

Taktvolle Öffis

Aber was ist den jetzt eigentlich das Problem mit Melbourne? Ein Stadtplanungsstudent auf Twitter beklagt unregelmäßige U-Bahn und Buszeiten. 

In Wahrheit aber dürfte Wien gar nicht die größte Rivalin sein.

Die lebenswerteste Städtepartnerschaft der Welt? Auf Twitter werden bereits Allianzen geschmiedet. 

Am Ende gab sich Melbourne als guter Verlierer. Das offizielle Gratulations-Tweet wurde zwar um 3:30 Uhr MEZ abgesetzt, als die Adressaten tief und fest schliefen, aber wir wollen nicht penibel sein, die Absicht zählt.

Hier noch ein bisschen Werbung für die zweitbeste Stadt der Welt. Waren Sie schon dort? Erzählen Sie uns doch in den Kommentaren, was Melbourne ausmacht.