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Chronik | Welt
07/05/2019

Russland: Schwimmendes Atomkraftwerk sticht bald in See

Kritiker sind entsetzt und bezeichnen die Anlage als "schwimmendes Tschernobyl".

Der letzte Feinschliff steht noch aus, dann geht es los für das milliardenschwere Prestigeprojekt "Akademik Lomonossow". Das AKW auf See sieht trotz der Reaktoren im Inneren aus wie ein ganz normales Schiff. In Weiß, Blau und Rot - den Farben der russischen Trikolore - ist die Außenwand des Megabaus gestrichen, der noch im Hafen von Murmansk vor Anker liegt.

In wenigen Monaten soll die Anlage mit zwei Druckwasserreaktoren an Bord ihren Betrieb aufnehmen. Kritiker warnen vor einer möglichen Katastrophe im Polarmeer, und bezeichnen die Anlage als "schwimmendes Tschernobyl".

Strom für 100.000 Einwohner

Im August soll die 144 Meter lange und 30 Meter breite "Akademik Lomonossow" von Schleppern rund 4.000 Kilometer weit in den äußersten Nordosten Russlands gezogen werden. Noch in diesem Jahr soll der vor der Küste Tschukotkas produzierte Strom die Hafenstadt Pewek sowie Gas- und Ölbohrinseln vor der Küste mit Energie versorgen. Das Ganze ist Teil eines Plans der russischen Regierung, die abgeschiedene, aber an Bodenschätzen reiche Region auf Vordermann zu bringen.

"Abgelegene Regionen können profitieren, ohne größere Verpflichtungen einzugehen", beschreibt Wladimir Iriminku, der als Ingenieur für Umweltschutz auf der "Akademik Lomonossow" arbeitet, die Vorteile schwimmender AKWs. Auf der "Akademik Lomonossow" werden rund 70 Megawatt produziert, die dann ins lokale Stromnetz eingespeist werden. Eine Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern könnte damit versorgt werden.

Gewappnet gegen Terror und Klimawandel

Das bisherige Kraftwerk der Region - Bilibino - ist auf Permafrostboden gebaut, veraltet und anfälliger für Umwelteinflüsse. Durch den Klimawandel taut auch der bisher dauerhaft feste Untergrund auf. "Das schwimmende AKW ist viel sicherer als alles bisherige: Es kann selbst dem stärksten Tsunami standhalten und ist unsinkbar", versichert der Vizechef des AKW, Dmitri Alexejenko.

Selbst auf potenzielle Terrorangriffe sei man vorbereitet. Auf See, Land und Luft werde das Militär die Anlage bewachen und schützen.

Interesse aus Südostasien

Russland hat derzeit mehr als 30 Atomkraftwerke in Betrieb. Moskau investiert zudem über seinen Energiekonzern Rosatom im großen Stil in neue Atomkraftwerke - besonders in ehemaligen Sowjetrepubliken, die selbst weder über Know-how noch über ausreichend Mittel verfügen. Auch in Indien, Bangladesch und in der Türkei plant Rosatom, für den weltweit rund 250.000 Menschen arbeiten, Atomkraftwerke.

"Russland plant noch mehr, wir bauen aus", sagt ein Ingenieur auf dem schwimmenden AKW im weitentfernten Murmansk. Sollte das Projekt erfolgreich sein, könnte eine ganze Flotte an schwimmenden Atomkraftwerken gebaut werden. Es gebe bereits großes Interesse aus Südostasien, heißt es.

Greenpeace: "Folgen werden dramatisch sein"

Russische Umweltschützer glauben daher, dass die "Akademik Lomonossow" eine Art Muster-AKW für potenzielle Käufer sei und weniger die Stromversorgung für Bewohner von Pewek im Sinn habe.

Rosatom könne bei einem potenziellen Vorfall kaum rasch handeln, sagt Raschid Alimow von der Umweltorganisation Greenpeace. "Allen muss klar sein, dass die Infrastruktur in dem abgelegenen Gebiet im Notfall fehlt", sagt der Energieexperte. "Wenn etwas schief geht, kann man nicht schnell mal hinfliegen. Die Folgen für die Region in der empfindlichen Arktis werden dramatisch sein."