© Uwe Mauch

Chronik Welt
02/10/2020

Republik Moldau: Kinder als Leidtragende eines kalten Krieges

Die Kinder der ehemaligen Sowjetrepublik sind Leidtragende eines kalten Krieges.

von Uwe Mauch

Er kam vor vier Monaten mit gerade einmal 1.125 Gramm Gewicht zur Welt. Die Ärzte in Chisinau haben David das Leben gerettet. Doch welches Leben haben sie ihm geschenkt? Sein leiblicher Vater hat sich schon vor Davids Geburt von der Mutter für immer verabschiedet, seine Mutter ist chronisch krank und kann nicht arbeiten, seine Oma bekommt 45 Euro Pension.

Man fährt in Moldawien nicht weit, um der Armut zu begegnen. Das Dorf Bacioi liegt in der Einflugschneise des Airports von Chisinau. Wer hier geboren wird, hat es von Kindesbeinen an schwer. Die Kinder in der kleinen Republik im Südosten Europas sind die wahren Verlierer im Machtspiel der Supermächte, acht von zehn wachsen laut Auskunft eines Mitarbeiters der österreichischen Hilfsorganisation Concordia unter prekären Verhältnissen auf.

Eigenständig seit 1991

Die Republik Moldau liegt im Südosten Europas. Eigenständig ist der Staat mit rund 3,5 Mio. Einwohner erst seit 1991.

Österreicher helfen

Der Arzt Helmut Euler-Rolle fährt seit vielen Jahren jeweils mit zwei Klein-Lkws von Wien nach Rumänien und Moldawien. Mehr über „Austria pro Moldova“ unter: www.fegerl.at/roman.
Noch nicht so lange, dafür im großen Stil, hilft die von Pater Georg Sporschill einst in Bukarest gegründete Hilfsorganisation „Concordia“, Nähere Infos: www.concordia.or.at

Die ehemalige Sowjetrepublik liegt eingekeilt zwischen zwei geopolitischen Machtblöcken, die im Niemandsland ihren kalten Krieg fortführen. Weder in Brüssel noch in Moskau und schon gar nicht in Washington oder in den Zentralen der multinationalen Konzerne interessiert man sich für einen Winzling wie David bzw. seine 3,5 Millionen Landsleute.

Nur wenige Menschen in unseren Breitengraden wissen überhaupt, wo das nach einem Bürgerkrieg geteilte Land liegt . Moldawien, das ist dort, wo der Fluss Dnjestr und dubiose lokale Politiker einen Strich durch die Rechnung jener machen, die einfach nur in Frieden, mit ein wenig Wohlstand leben möchten.

So wie die Nachbarkinder von David: Cosmina, 4, Nicoleta, 5, und Adrian, 6, haben zwar Mutter und Vater. Aber ihren Vater sehen sie so gut wie nie. Er fährt um 5 Uhr mit dem ersten Bus nach Chisinau, um dort auf Baustellen als Taglöhner zu arbeiten. Und er kommt mit dem letzten Bus nach 20 Uhr heim. Für seine Hilfsdienste erhält er 150 Euro pro Monat. Davon gehen 25 Euro für den Bus drauf.

Eine Milliarde fehlt

Vor vier Jahren, so wird in Moldawien berichtet, flogen hochrangige Politiker auf. Die forsche Truppe soll eine Milliarde Euro vom Staatseigentum in die eigenen Taschen abgezweigt haben. Der langjährige Premierminister Vladimir Filat wurde im Jahr 2015 verhaftet und anschließend zu neun Jahren Haft verurteilt, aber das bringt den Moldawiern die Milliarde nicht zurück.

Das Geld fehlt an allen Ecken. Vor allem für Kinder: Kindergeld wird zwar bezahlt, aber nur 25 Euro pro Kind und Monat, und das maximal drei Jahre. Und wehe dem Kind, das krank wird! Staatliche Krankenversicherung gibt es gar nicht. Und eine ärztliche Behandlung kostet einen Gutteil des Monatsgehalts eines Taglöhners.

Ohne Vater

Auffallend viele moldawische Kinder haben keinen Vater mehr. Alexandra aus dem kleinen Dorf Carahasani kann weder gehen noch sprechen. Hilfe erhält das 16-jährige Mädchen mit einer Mehrfach-Behinderung nur von ihrer am Herz operierten Mutter.

Octavian, 10, Sasa, 8, Lida, 6, und Dima, 2, aus dem südmoldawischen Ort Tudora fürchten die Faustschläge ihres Vaters, vor allem dann, wenn er wieder betrunken ist. Die vier Kinder im Nachbarhaus hören wiederum, wie ihre krebskranke Mutter sagt: „Die Menschen hier existieren, aber sie leben nicht.“

"Die meisten sind ausgewandert"

Der Musiker Peter Juriev mag heute nicht mehr Oboe spielen. „Ich habe meinen Kopf für die Musik nicht mehr frei“, erklärt er traurig. Juriev kann nur noch zwei Studenten am Konservatorium in Chisinau unterrichten. „Die meisten sind ausgewandert.“

Doch er kann die jungen Leute, die ihrem Land den Rücken kehren, gut verstehen: „Oboe-Spieler in unserem nationalen Orchester verdienen 80 Euro pro Monat. In Rumänien erhalten sie immerhin 180, in Italien 2.000 Euro.“

Peter Juriev versucht, in Chisinau mit zwei Jobs das Auslangen zu finden. Er sieht erschöpft aus, sagt sein Freund, der Wiener Arzt Helmut Euler-Rolle, der seit vielen Jahren nach Rumänien und Moldawien fährt, um mit privaten Spenden zu helfen.

Doch verwundert die Erschöpfung des Musikers? Juriev sagt auch: „Wenn niemand mehr Oboe spielen will, verliere ich mein Einkommen.“ Ohne Geld, keine Oboe. Ohne Oboe keine Ode an die Freude und kein Europa. Keine guten Aussichten für die Kinder Moldawiens.

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