Chronik | Welt
03.08.2018

Osama bin Ladens Mutter: „Er war ein schüchterner Bub“

Erstmals sprach Alia Ghanem über ihren Sohn, den 2011 getöteten Drahtzieher der 9/11-Anschläge.

Fast 17 Jahre hat sie geschwiegen, doch nun hat Alia Ghanem beschlossen, zu reden: Über ihren Sohn, den wohl bekanntesten Terroristen der Welt, Osama bin Laden.

In einem viel zitierten Interview des britischen Guardian sprach sie am Freitag erstmals über den Mann, dessen Terrorgruppe El Kaida am 11. September 2001 in den USA Tausende Menschen getötet hat.

Saudi-Arabiens Regierung, geführt von Kronprinz Mohammed bin Salman, hat ihr grünes Licht gegeben. Ihre Schilderungen sollen immer noch bestehende Vorwürfe entkräften, Bin Laden sei ein Agent gewesen, der 9/11 im Auftrag Riads geplant habe.

„Gehirnwäsche“

„Er war ein  gutes Kind, das mich sehr geliebt hat“, sagt Ghanem in ihrem  Haus in der saudischen Stadt Jeddah, die seit Generationen  Heimat des Bin-Laden-Clans ist. Die Familie ist dank ihres Baukonzerns eine der wohlhabendsten und einflussreichsten des Landes.

An der Seite der bunt gekleideten und Kopftuch tragenden Ghanem sitzen Osama bin Ladens Halbbrüder  Hassan und Ahmad und deren Vater Mohammed al-Attas.

Als Ghanems zweiter Ehemann zog dieser Osama seit dessen früher Kindheit auf, nachdem Ghanem ihren ersten Mann Mohammed bin Awad bin Laden verlassen hatte. Dieser bekam mit  späteren Frauen 54 weitere Kinder.

Osama sei ein schüchterner,  intelligenter Bub gewesen, erzählt  Ghanem neben Porträts ihrer Erstgeborenen. Er sei zu einem willensstarken und frommen jungen Mann herangewachsen, bevor er sich  entgegen ihrer Warnungen an der Uni den falschen Leuten angeschlossen habe, etwa Mitgliedern der Muslimbruderschaft. „Er wurde einer Gehirnwäsche unterzogen“, meint Ghanem.

Er sei zu einem willensstarken und frommen jungen Mann herangewachsen, bevor er sich entgegen ihrer Warnungen an der Uni den falschen Leuten angeschlossen habe, etwa Mitgliedern der Muslimbruderschaft. „Er wurde einer Gehirnwäsche unterzogen“, meint Ghanem.

Als Bin Laden Anfang der 1980er-Jahre nach Afghanistan ging, um dort – mit Unterstützung Saudi-Arabiens und der USA – gegen die russische Besatzung zu kämpfen, sei die Familie dennoch stolz gewesen.

Niemals hätte sie gedacht, dass er ein Dschihadist werden könnte, so Ghanem.

„Haben uns geschämt“

Als Ghanem den Raum verlässt, rücken die Halbbrüder das von ihrer Mutter gezeichnete Bild zurecht. Diese weigere sich nach wie vor, die Schuld ihres Sohnes anzuerkennen. „Sie sieht nur den guten Buben, nicht den Dschihadisten“, sagt Ahmad.

Nach den Anschlägen von 9/11 sei dem Rest der Familie sofort klar gewesen, dass Osama tatsächlich verantwortlich war: „Wir haben uns alle geschämt.“

Das mit den USA verbündete Regime in Riad habe den Bin-Laden-Clan danach streng kontrolliert, viele Restriktionen, etwa Reiseverbote, seien erst nach langer Zeit aufgehoben worden.

Nach Bin Ladens Tötung durch US-Spezialkräfte in Pakistan 2011 durften dessen Witwen und ihre Kinder und Enkel zurück nach Saudi-Arabien. „Ich spreche beinahe jede Woche mit ihnen“, sagt Ghanem.

Bin Ladens jüngster Sohn allerdings bereite Sorge. Der 29-jährige Hamza ist in Afghanistan, wo er den USA Rache für die Ermordung des Vaters geschworen hat.