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Chronik Welt
04/16/2019

Notre Dame: Vom Blutbad bis zur Kaiserkrönung

In Notre-Dame kristallisiert sich Frankreichs Geschichte, mit ihren Tragödien und ihren Konflikten mit und zwischen Religionen.

Es ist eine vergleichsweise bescheidene Plakette, eingelassen im Trottoir – und doch ist sie der Punkt, an dem das ganze Land Maß nimmt. Direkt vor Notre-Dame befindet sich Frankreichs Meter Null. Von hier aus wird die Entfernung zu jedem Ort vermessen. Notre-Dame aber ist nicht nur der Mittelpunkt der Geografie Frankreichs, es ist auch der Brennpunkt seiner Geschichte. In der Kathedrale spiegeln sich wichtige Etappen der französischen Geschichte wieder, aber auch drastische Brüche.

Der wahrscheinlich dramatischste Augenblick in der Geschichte der Kathedrale findet am zweiten Dezember des Jahres 1804 statt. Napoleon, längst allmächtiger Herrscher über Frankreich, lässt sich zum Kaiser krönen. Vielmehr krönt er sich selbst dazu, setzt sich die eigens für ihn neu angefertigte Krone im Handstreich auf den Kopf, degradiert den eigens aus Rom herangeschafften Papst Pius VII. zum Zuschauer.

Die Kaiserkrönung des Generals ist eine historisch einzigartige Anmaßung. Wenige Jahre zuvor hatten die Aufständischen der Französischen Revolution die Kirche gestürmt, verwüstet, entweiht und schließlich als Weindepot missbraucht. Jetzt ließ sich der General, der die Armee dieser Revolutionäre angeführt hatte, zum Kaiser krönen – in einem Land, in dem es mehr als ein Jahrtausend lang keinen Kaiser, sondern nur Könige gegeben hatte. Doch Napoleon wollte nicht deren Nachfolger werden, sondern der Karls des Großen, der einst über deutsche und französische Länder regiert hatte. Ein Herrscher über Europa quasi, und genau das hatte auch Napoleon im Blick.

Heikle Entscheidung

Frankreichs Könige dagegen ließen sich meist nicht hier, sondern in Notre-Dame im nordfranzösischen Reims krönen. Als man im Jahr 1570 die Pariser Kathedrale für eine Hochzeit wählte, dann deshalb, weil man damit einen mehr als heiklen politischen Akt setzen wollte. Eine katholische Prinzessin sollte einen Hugenotten, also einen Protestanten heiraten. Doch was als Versuch gedacht war, nach Jahren der Religionskriege Frieden zu stiften, löste vielmehr eine weitere blutige Eskalation aus. Wenige Tage nach der Hochzeit wurden Tausende Hugenotten in Paris Opfer eines akribisch geplanten Massenmordes durch katholische Kämpfer. Das Blutbad der Bartholomäusnacht verschaffte der katholischen Kirche die religiöse Vorherrschaft über Frankreich – und dem Land ein kollektives Trauma, das sich bis in die Gegenwart festsetzen sollte.

Schüsse auf de Gaulle

Die Kathedrale selbst sollte über Jahrhunderte machtpolitisch nur eine Nebenrolle spielen – und verfiel nach der Französischen Revolution kontinuierlich. Erst Viktor Hugos Weltbestseller „Der Glöckner von Notre-Dame“ verschaffte ihr im Bewusstsein der Franzosen – und der Welt – wieder einen prominenten Platz.

Im späten 19. Jahrhundert restauriert, sollte sie von da an auch wieder für die Politik interessant werden. Charles de Gaulle jedenfalls wollte es sich bei seinem Einzug in Paris nach dem Sieg über Nazi-Deutschland 1944 nicht nehmen lassen, feierlich in Notre-Dame einzuziehen. Ganz so feierlich wie geplant wurde dieser Einzug allerdings nicht. Ein – bis heute unbekannter – Scharfschütze nahm den General vom Dach der Kirche aus unter Feuer. Glücklicherweise wurde niemand verletzt.

De Gaulles Beziehung zu Notre-Dame beschädigte dieser Zwischenfall vermutlich nachhaltig. Aufgebahrt wollte er dort jedenfalls nicht liegen. Gemäß seines Testaments wurde der frühere Staatspräsident im nordfranzösischen Colombey begraben, wo er im Alter seinen Landsitz hatte. Das Requiem für de Gaulle fand in Notre-Dame statt, mit Dutzenden Staatschefs und Königen, allerdings ohne den General. Der wurde am gleichen Tag in Colombey beerdigt.