Chronik | Welt
17.08.2018

Nach Brückeneinsturz in Genua: Attacken gegen Benetton

Beim Staatsbegräbnis werden 17 Särge fehlen. Die Angehörigen der Umgekommenen wollen keine Politiker sehen.

Über Benetton-Fotograf Oliviero Toscani ist ein „Shitstorm“ hereingebrochen. Der Kommunikationschef des Modekonzerns wird auf seinem Instagram-Account nach dem Brücken-Einsturz in Genua, bei dem 40 Menschen starben, mit wüsten Beschimpfungen bis hin zu Todeswünschen bedacht. Das Modehaus Benetton mit Hauptsitz in Treviso ist der Hauptaktionär der Betreibergesellschaft „Autostrade per l´Italia“, die für 3000 Autobahn-Kilometer, darunter auch die A10 und den eingestürzten Ponte Morandi, verantwortlich ist. Milliarden Euro sind in den vergangenen Jahren in die Kassen der italienischen Industriellenfamilie geflossen, die mit der Modekette United Colors of Benetton weltweit bekannt ist.

Während der Modekonzern seit 2002 Einbußen verzeichnet, steigen seine Einnahmen aus Beteiligungen an Autobahnen, Raststätten, Flughäfen und Bahnhöfen. Und eben auch jene des Infrastruktur-Konzerns Atlantia, zu dem Autostrade gehört.

Nun ist um Benetton eine Polemik in der Lega/Fünf Sterne Regierung entbrannt. Denn Benetton wird ein Naheverhältnis zur Demokratischen Partei (PD) nachgesagt. Der Modefotograf Toscani stellte sich offen gegen die Lega/Fünf Sterne Regierung und schaltete vor Wochen eine zweiseitige Anzeige mit dem Foto einer Rettungsaktion im Mittelmeer. Lega-Politiker riefen daraufhin zum Boykott von Benetton-Kleidung auf.

„Weil in Italien zum ersten Mal eine Regierung im Amt ist, die kein Geld von den Benettons eingesteckt hat, sind wir jetzt zum Widerruf der Konzession bereit“, kündigte Vize-Premier und Fünf Sterne-Chef Luigi Di Maio nach dem Brücken-Einsturz an. Die PD-Parlamentarierin Laura Garavini dementiert die Behauptungen: „Di Maio sagt, die Autobahngesellschaft Autostrade zahle Steuern nur in Luxemburg und habe uns im Wahlkampf unterstützt. Das ist falsch.“

Streit in der Regierung

Premier Conte kündigte an, dem Autobahnbetreiber die Konzession zu entziehen. „Wir können nicht auf die Feststellung der Verantwortung warten“, so der Premier noch am Tag des Unglücks. Schwere Versäumnisse in der Wartung wirft 5 Sterne-Verkehrsminister Danilo Toninelli dem Autobahnbetreiber vor. Autostrade habe nun zwei Wochen Zeit, um zu beweisen, dass alle vertraglichen Pflichten erfüllt wurden. Zudem soll das Unternehmen, die Brücke auf eigene Kosten wiederaufbauen.

Für Innenminister Matteo Salvini hingegen hat der Konzessionsentzug keine Priorität. „Wir fordern von dem Betreiber alles, was möglich ist, für die Angehörigen der Opfer, die Verletzten und die nun Obdachlosen.“ Über Konzessionen und Strafen könne man dann in den nächsten Wochen reden.

Die privaten Betreiber Autostrade per l'Italia wehren sich gegen die Vorwürfe und beteuern, die Wartungspflichten erfüllt zu haben. Eine von der Firma in Auftrag gegebene Studie hätte laut La Repubblica allerdings schon im Vorjahr 2017 Schwächen in den Tragseilen der Brücke entdeckt. Bauingenieure sehen die einbetonierten Tragseile ebenfalls als die großen Schwachpunkte der Morandi-Werke, die mittlerweile überholt seien. Laut Minister Toninelli werde das Ergebnis der Untersuchungskommission über die Unglücksursache in einem Monat vorliegen.

Staatstrauer & Proteste

Heute, Samstag, findet auf dem Messegelände der Hafenstadt das Staatsbegräbnis für die Opfer statt. Daran nehmen auch Präsident Sergio Mattarella und Premier Giuseppe Conte teil. Der Staatssender Rai wird die Zeremonie live übertragen und aus Respekt vor den Opfern keine Werbung senden.

Bei dem Brückeneinsturz am Dienstag kamen 40 Menschen ums Leben. 20 Personen werden noch vermisst, zehn sind schwer verletzt. Die noch auf der Brücke stehenden Fahrzeuge und LKWs wurden am Freitag geborgen.

Zahlreiche Familien der Opfer boykottieren die Staatszeremonie. 17 Särge werden nicht aufgebahrt. Zu groß ist die Wut und der Zorn über das Versagen des Staates, der Mitschuld am Unglück trägt, das man verhindert hätte können.

„Das ist eine Scheinheiligkeit, wir wollen keinen Schaulauf von Politikern“, protestieren die Angehörigen. „Mein Sohn ist keine Nummer unter den Toten. Sein Tod wurde durch die Versäumnisse des Staates verursacht. Ich will nur Gerechtigkeit.“