Kopenhagen zeigt, wie man ein besserer Tourist sein kann
In Kopenhagen gab es im vergangenen Jahr 13 Mio. kommerzielle Übernachtungen. In Wien knackte man 2025 die 20-Mio.-Marke.
Wer einen Crashkurs in positivem Länderimage sucht, der sollte den Blick nach Dänemark richten. Aus Marketingsicht lief 2025 für das skandinavische Land nämlich nahezu perfekt: Die Hauptstadt Kopenhagen löste nach Jahren den Platzhirschen Wien als lebenswerteste Stadt der Welt ab – und verteidigte den Titel 2026. Auch zur „glücklichsten Stadt“ wurde sie (wie heuer) gekrönt.
Zudem verzeichnete das Königreich mit 66 Millionen Nächtigungen einen neuen Tourismusrekord. Und bei wem da sofort die Alarmglocken schrillen – Stichwort „Overtourism“–, der kann beruhigt sein: Die Tourismusorganisation der Hauptstadtregion hatte sogleich ein Gegenmodell in petto – das ihr vom Time Magazine auch noch den Preis für eine der besten Erfindungen des Jahres einbrachte: Copenpay.
Positives Verhalten
Mit der Tourismusinitative, die 2024 als Pilotprojekt startete, will Kopenhagen positives Verhalten von Touristen belohnen. Die Idee: Gäste der Stadt leisten durch einfache positive Aktionen einen Beitrag für Reiseziel und Lokalbevölkerung. Dafür erhalten sie Belohnungen in Form von kostenlosen oder ermäßigten Erlebnissen. Das kann ein gratis Kaffee für eine Radfahrt sein oder eine kostenlose Kajaktour für eine Stunde Müllsammeln.
Auch eine klimafreundlichere Anreise wird belohnt, etwa Rabatte für E-Auto-Ladungen. „In einer Zeit, in der Touristen oft für ihr Verhalten kritisiert werden, bietet Copenpay eine neue Möglichkeit, sich positiv mit der Stadt auseinanderzusetzen“, sagt Rikke Holm Petersen vom zuständigen „Wonderful Copenhagen“.
Ende Juni wurde Copenpay als Dauerprojekt ausgerollt.
Das scheint aufzugehen: Mehr als 30.000 Touristen haben bereits an Copenpay-Aktionen teilgenommen. Das hat kleine, punktuelle Erfolge gebracht: Der Fahrradverleih, so bewirbt der Tourismusverband, stieg etwa um 59 Prozent. Im Pilotprojekt wurden zudem 1.200 kg Müll aus den Kanälen gefischt. Vor allem aber brachte die Initiative Kopenhagen als Vorbild in Sachen nachhaltigerer Tourismus aufs Parkett – und viele Interessenten gleich dazu.
Andere Länder machen mit
Mehr als 350 Destinationen weltweit sind an dem Konzept, das in Kopenhagen seit Juni dauerhaft läuft und von der Europäischen Kommission als „Wegbereiter“ gelobt wird, interessiert. Mehrere Länder, darunter Italien, die USA oder Japan, bereiten den Start bereits heuer vor. In Berlin und Bremen ist das sogar schon passiert.
Auch Harald Zeiss verfolgt das Projekt aufmerksam. „Ich finde die Idee ausgezeichnet, sie trifft auch den Zeitgeist“, sagt der Professor für nachhaltigen Tourismus an der Hochschule Harz (Sachsen-Anhalt) zum KURIER. Zunächst sei es natürlich eine „clevere Kommunikation, die Kopenhagen viel Aufmerksamkeit einbringt“. „Der eigentliche Wert liegt aber für mich in der Wirkung als Verhaltensanstoß. Eine begleitende Auswertung zeigt, dass nur rund ein Viertel der Teilnehmenden von der Belohnung selbst angezogen wird, fast die Hälfte kommt wegen des ’sinnstiftenden’ Erlebnisses. Rund 70 Prozent sagen, dass sie Gewohnheiten auch nach der Heimreise verändert haben.“
Darüber stehe das Konzept des regenerativen Tourismus: „Es fragt, wie ein Ort durch Besuch besser zurückbleibt als vorher, ökologisch wie sozial.“
„Glaubwürdiger Ansatz“
Entscheidend sei zudem, dass Kopenhagen das Projekt nicht als Klimalösung verkaufe, sondern nur als Anstoß: „Das macht es glaubwürdig. Problematisch würde es erst, wenn eine Stadt mit ein paar Freikaffees den Eindruck erweckt, das Overtourism-Problem sei damit gelöst.“
Wie sähe aber nun ein Städtetourismus aus, wie ein Experte ihn sich wünschen würde? „Eine Stadt, die zuerst für ihre Bewohner funktioniert und deshalb auch für Gäste attraktiv ist“, so Zeiss. Heißt: Steuerung der Besucherströme, nachhaltige Mobilität, aktive Beteiligung der Einheimischen. „Sonst kippt Akzeptanz in Abwehr. Der Maßstab sollte nicht die Gästezahl, sondern die Lebensqualität vor Ort sein. Wenn das alles klappt, stimmt meist auch das Reiseerlebnis.“
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