© REUTERS/GONZALO FUENTES

Chronik Welt
05/01/2019

Knappe Mehrheit für „alte“ Notre-Dame

Ein Viertel der Befragten für mehr künstlerische Freiheit, Kritik an Macrons Fünf-Jahres-Plan zur Restaurierung.

von Susanne Bobek

Eine knappe Mehrheit der Franzosen befürwortet nach der Brandkatastrophe von Notre-Dame einen originalgetreuen Wiederaufbau der gotischen Kathedrale. In einer repräsentativen Umfrage des französischen Meinungsforschungsinstituts YouGov gaben 54 Prozent der Befragten an, dass die Kathedrale wieder so aufgebaut werden soll, wie sie vorher war.

Ein Viertel (25 Prozent) spricht sich für weniger strenge Vorgaben bei der Restaurierung aus. Architekten sollten sich ruhig die Freiheit nehmen, von den alten Plänen abzuweichen. Dementsprechende Fotomontagen, die Notre-Dame in futuristischem Stil zeigen, haben bereits auf Social Media für Empörung gesorgt. Mehr als ein Fünftel (21 Prozent) hat sich zu dieser Frage noch gar keine Meinung gebildet.

In der Kathedrale im Herzen von Paris war am 15. April, am Montag in der Karwoche ein Feuer ausgebrochen. Das weltberühmte Bauwerk war dabei schwer beschädigt worden, weite Teile des Daches wurden zerstört. Der Vierungsturm der Kathedrale stürzte bei dem verheerenden Feuer ein.

Die französische Regierung hat einen internationalen Architekturwettbewerb für den Wiederaufbau ausgeschrieben. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte versprochen, die Kirche in den kommenden fünf Jahren wieder aufzubauen.

Protest gegen Zeitdruck

Dagegen regt sich Protest von 1170 internationalen Experten. Die „Komplexität“ der Instandsetzung der beschädigten Kirche dürfe nicht „zur Schau getragener Effizienz“ geopfert werden, ermahnten sie den Staatschef in einem Gastbeitrag für die Zeitung Le Figaro. „Wir sollten uns Zeit nehmen, um einen guten Weg zu finden, und erst dann einen ehrgeizigen Zeitplan für eine vorbildliche Restaurierung festlegen“, heißt es in dem Text, den die 1170 internationalen Experten unterschrieben haben. Dazu gehören auch der französische Konservator für nationale Denkmäler, Laurent Alberti, sowie Fachleute aus den USA.

Sportlicher Termin

Auf Protest stößt bei ihnen auch die Ankündigung der Regierung, zur Beschleunigung der Arbeiten an Notre-Dame, bestimmte Ausnahmen in puncto Denkmalschutz zu erlauben. Das Kulturministerium betont dagegen, die Ausnahmen sollten „eng begrenzt“ bleiben.

Auch die ehemalige Kölner Dombaumeisterin, die Architektin Barbara Schock-Werner sieht den Wiederaufbau in fünf Jahren skeptisch. „Wenn es mit gründlichen Voruntersuchungen geschehen soll, ist es ein sehr sportlicher Termin“, sagte sie der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Köln. So sei im Vorfeld zu klären, was die Gewölbe aushalten und was nicht: „Da kann man nicht einmal rütteln und sagen 'hält noch'. Man muss die Gewölbe vermessen, inwieweit sie verschoben sind.“ Die Kathedrale benötige zu allererst ein Notdach „und zwar eines, unter dem man arbeiten kann“. Susanne Bobek