Chronik | Welt
30.08.2018

Kein Strom und 50mal so viele Opfer

Puerto Rico. Ein Jahr nach der Hurrican-Katastrophe wird erst das wahre Ausmaß bekannt

Abendessen bei Kerzenlicht, kein Ventilator, der gegen die karibische Hitze hilft, und kein Kühlschrank, um Lebensmittel oder Medikamente zu kühlen – ein Jahr nach dem verheerenden Hurrikan „Maria“ ist der Alltag für Tausende Einwohner Puerto Ricos abseits der großen Städte immer noch stromlos. Große Teile der zu den USA gehörenden Insel haben weiter mit den Auswirkungen des Tropensturms zu kämpfen. Die Kritik an der Regierung von Präsident Donald Trump und ihrem Umgang mit der Katastrophe verstummt nicht – im Gegenteil.

Für weiteres Entsetzen sorgte jetzt die drastisch nach oben korrigierte Zahl der Todesopfer: Nicht 64, sondern 2975 Menschen sind nach jüngsten Erkenntnissen in dem Tropensturm beziehungsweise durch seine Folgen umgekommen. Das sind 50 Mal so viele wie ursprünglich behauptet, Trump hatte zu Beginn überhaupt nur von 16 Toten gesprochen. Von den drei Millionen Inselbürgern hatten damals 300.000 Puerto Rico in Folge des Hurrikans in Richtung Festland verlassen.

Sturm wirkte lange nach

Die neue Bilanz kommt durch einen Bericht der George Washington Universität zustande. Bei vielen Verstorbenen sei nicht klar gewesen, dass ihr Tod mit dem Hurrikan in Verbindung stand. 22 Prozent mehr Todesfälle zwischen September 2017 und Februar 2018 ließen viele bereits eine höhere Opferbilanz von Hurrikan „Maria“ vermuten. Die Studie verglich die Sterblichkeit in Puerto Rico in den sechs Monaten nach dem Hurrikan mit der in Jahren ohne Wirbelsturm. Mangelende und zu langsame Katastrophenhilfe seien die Gründe für die vielen Opfer.

Puerto Ricos Gouverneur Ricardo Rosselló gibt zu, im Umgang mit Hurrikan „Maria“ Fehler gemacht zu haben: „Wir haben nie ein Szenario mit null Kommunikation, null Energie und null Infrastruktur erwartet. Ich schätze die Lehre daraus ist, immer das Schlimmste zu erwarten.“ Nachdem der Wirbelsturm die Insel letztes Jahr am 20. September mit voller Wucht getroffen hatte, gab es wochen- und teilweise monatelang keinen Strom, kein Telefonnetz, viele Straßen waren gesperrt. Schulen öffneten teilweise erst nach Monaten. Die Behörden waren überfordert mit der Situation. Akademiker, Aktivisten und Journalisten drängten die Regierung dazu, das wahre Ausmaß der Naturkatastrophe anzuerkennen.

Der neue Bericht lässt deswegen die Kritik an dem Verhalten der US-Regierung erneut aufflammen. Trumps Reaktionen wurden als unpassend beurteilt: Zuerst behauptete er, die Regierung sei vorbildhaft mit der Katastrophe umgegangen, und spielte die drastischen Auswirkungen herunter, um sich schließlich über die hohen Kosten zu beschweren. Danach kam es zu Peinlichkeiten wie dem Vetrag mit der Firma „ Whitefish“: Um 300 Millionen Euro sollte das kleine Zweimann-Unternehmen das gesamte Stromnetz der Insel wieder aufbauen. Der Manager war pikanterweise ein Bekannter des US-Innenministers. Das Vorhaben scheiterte wenig überraschend, und der umstrittene Vertrag wurde aufgelöst.

Maria Prchal