Chronik | Welt
31.10.2018

Italien: Knochenfund in Vatikan-Gebäude

Ermittler prüfen, ob es sich um die Überreste der 1983 verschwundenen Emanuela Orlandi handelt

Sensationsfund bei Renovierungsarbeiten in einem Nebengebäude der vatikanischen Botschaft in Rom: Arbeiter stießen auf ein fast vollständig erhaltenes Skelett und weitere menschliche Knochen. Damit nicht genug: Die menschlichen Überreste könnten von der vor 35 Jahren in Rom verschwundenen Emanuela Orlandi und einem weiteren Mädchen stammen.

Das melden italienische Medien unter Berufung auf Ermittler, die damit einen der spektakulärsten Kriminalfälle der italienischen Geschichte neu aufrollen. Die Justizbehörden des Vatikan und die römische Staatsanwaltschaft prüfen Alter und Geschlecht des Skeletts und der übrigen Knochen. DNA-Proben sollen mit jenen der vermissten Mädchen verglichen werden.

Am 22. Juni 1983 ist die damals 15-jährige Emanuela Orlandi spurlos verschwunden. Nach dem Klavierunterricht war die Tochter des damaligen Hofmeisters des Papstes nicht nach Hause zurückgekehrt. Das Verschwinden der Tochter eines hohen Vatikanbeamten sorgte weltweit für Schlagzeilen und löste Spekulationen über die Hintergründe aus.

Nach ihrem Verschwinden forderten angebliche Orlandi-Entführer die Befreiung des Papst-Attentäters Ali Ağca. Ağca, der den türkisch-nationalistischen „Grauen Wölfen“ nahestand, hatte auf Papst Johannes Paul II geschossen. Dieser überlebte aber.

Später hieß es, Orlandi sei von Enrico De Pedis, dem Kopf einer kriminellen Bande, ermordet worden. Die Lebensgefährtin des 1990 erschossenen De Pedis hatte dies behauptet. Ihre Aussage wurde von mehreren Ex-Mafiosi bestätigt.

Abenteuerliche Theorien

Bereits 2005 meinte ein anonymer Anrufer in einer TV-Sendung, die Lösung des Orlandi-Falls sei in De Pedis Sarg zu finden. Was wie die wirre Behauptung eines Verschwörungstheoretikers klingt, veranlasste 2012 die Staatsanwaltschaft dazu , nach Absprache mit dem Vatikan De Pedis Grab zu öffnen. Allerdings mit eindeutigem Befund: Von Orlandi fehlte jede Spur.

Bis heute gibt es keine Gewissheit über ihr Schicksal. Ihr Bruder Pietro kämpft seit Jahren für eine Aufklärung des Falls und appellierte mehrmals an Papst Franziskus.

Nur 40 Tage vor Emanuela Orlandi war noch ein anderes Mädchen verschwunden. Mirella Gregori erzählte ihren Eltern, dass sie einen Schulfreund treffen will, aber kehrte nie zurück.

Ob es sich bei dem Fund um die Überreste der beiden Mädchen handelt, war gestern noch unklar: Die DNA-Auswertung wird voraussichtlich eine Woche dauern. Die Anwältin der Familie Orlandi forderte Erklärungen von den Ermittlern. „Wir wollen wissen, wie die Knochen gefunden wurden und warum dieser Fund mit dem Verschwinden Emanuela Orlandis, oder Mirella Gregoris in Verbindung gebracht wird.“

Stephan Polet