© REUTERS/CHRIS WATTIE

Chronik Welt
12/18/2019

Das Dorf, das ohne Amazon nicht leben kann

Gefangen im Eismeer: In Nordkanada wird das Gratis-Lieferservice des IT-Riesen zur Überlebensfrage.

von Evelyn Peternel

Eine Großpackung Windeln? Kostet in Iqaluit knapp 70 Dollar. Und auf Amazon? Gerade mal die Hälfte.

Iqaluit, ein kleines Dorf im nördlichsten Teil Kanadas, ist umgeben vom Eismeer. Nur vier Monate im Jahr ist das 8000-Einwohner-Dorf per Schiff erreichbar, den Rest des Jahres ist man aufs Flugzeug angewiesen. Kein Wunder also, dass Lebensmittel und alltägliche Waren astronomisch viel kosten: Die Bewohner, hauptsächlich Inuit, gehören zu den ärmsten in ganz Kanada.

Seit es Amazon Prime gibt, hat sich dort allerdings einiges geändert. Gegen 79 Dollar jährlich bietet Prime Lieferung frei Haus an, und was für Europäer eine Annehmlichkeit ist, ist für die Bewohner von Iqaluit zur Überlebensfrage geworden: „Als alleinerziehende Mutter von fünf Kindern kaufe ich sogar Essen bei Amazon“, schreibt eine Nutzerin auf der regionalen Website Nunatsiaq News.

Packerlflut

Beim Essen allein bleibt es freilich nicht. Selbst Matratzen, Aquarien oder Holzöfen werden auf Amazon bestellt, was in Iqaluit zu einer wahren Packerflut geführt hat: Beim regionalen Airport war das Pro-Kopf-Frachtaufkommen heuer 14 Mal höher als im Rest Kanadas; und die kanadische Post verzeichnete in den vergangenen drei Jahren ein Plus von 30 Prozent für die Region. Mittlerweile ist sogar die Mülldeponie des Dorfs zu klein für die vielen Amazon-Verpackungen – noch gibt es in der kleinen Stadt nämlich kein Recycling-Programm.

Für Amazon hingegen ist das Ganze eher eine Kostenfrage, schließlich wird per Flugzeug geliefert. Logisch, dass die Angst umgeht, dass der IT-Riese das Gratis-Zustellservice einstellt: Erst im Oktober hat Amazon bekanntgegeben, dass die Zustellkosten im laufenden Jahr um 46 Prozent gestiegen seien – vor allem wegen der Gratis-Zustellung. Als im Oktober ein Fehler bei Amazon dazu führte, dass die Postleitzahl von Iqaluit nicht mehr im Zustellverzeichnis auftauchte, war die Panik dementsprechend groß.

Unbezahlbare Werbung

Noch gebe es aber keine Pläne, am kostenfreien Zustellservice etwas zu ändern, heißt es von Amazon zum Guardian, der über die Angst der Inuit berichtete. Dass darüber geschrieben wird, bringt den Bewohnern von Iqaluit ein wenig Absicherung – denn positive Schlagzeilen über Amazon sind bekanntlich eher selten; man erinnere sich nur an die Meldungen über fragwürdige Arbeitsbedingungen. „Natürlich füllen wir die Taschen eines Milliardärs. Aber mir ist es wichtig, dass auch meine Taschen ein wenig gefüllt bleiben“, kommentiert ein Nutzer auf Nunatsiaq News. Ein Mitglied der Stadtverwaltung, das ungenannt bleiben will, wird vom kanadischen Sender CBC sogar folgendermaßen zitiert: „Amazon Prime hat mehr dafür getan, um den Lebensstandard meiner Familie anzuheben, als irgendein regionales oder staatliches Förderprogramm.“ Das ist unbezahlbare Werbung.

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