Chronik | Welt
05.07.2018

Höhlentaucher: "Es wird für alle lebensgefährlich"

Wie bringt man den eingeschlossenen Buben in der Höhle in Thailand das Tauchen bei? Retter Martin Göksu im Interview.

Der  österreichische Arzt und Höhlentaucher Martin Göksu spricht über die gefährliche Bergung, die nun in der Höhle in Thailand bevorsteht. Bekannt wurde er, als er 2014 tagelang in der bayerischen Riesending-Höhle beim verunglückten Forscher Johann Westhauser ausharrte.

KURIER:  Die Kinder, die in der Höhle in Thailand festsitzen, können nicht einmal schwimmen. Wie bringt man denen das Tauchen bei?
Martin Göksu:
Das wird eine reine Kopfsache, weil sie in eine lebensfeindliches Medium müssen. Der Kopf sagt ihnen prinzipiell, dass sie dort sterben und jetzt sollen sie unter Wasser über ein Mundstück Luft atmen.

Welche Gefahren lauern?
Primär, dass unter Wasser Panik aufkommt. Die Kinder brauchen Sicherheit, müssen sich beim Tauchen aber auf einen Blindflug einstellen. Sie sehen bis zum Glas der Taucherbrille, dann ist alles beige,  grau und schwarz. Ich gehe davon aus, dass bereits ein Führungsseil installiert wurde, das dürfen die Beteiligten beim Weg aus der Höhle nie verlieren. Wichtig ist, dass zwei Taucher ein Kind in die Mitte nehmen, immer Körperkontakt halten, es bei der Hand nehmen und sich entlang des Seils weiter tasten. Der Tauchgang könnte Stunden dauern. Keiner weiß, wie die Kinder reagieren; es  wird für alle lebensgefährlich, weil die Kinder in Panik geraten könnten. Die   sind in einer psychischen Ausnahmesituation  müssen eventuell unter Wasser Todesängste ausstehen.

Die Kinder sind seit 23. Juni in der Höhle. Sind sie überhaupt körperlich zu diesem Kraftakt bereit?
Der Körper kann mehr, als man ihm zutraut, wenn’s sein muss. Außerdem haben sie keine andere Wahl: es ist kein Wellnessurlaub, sie  müssen da raus.

Wer wagt als Erster den Tauchgang?
Der psychisch stärkste geht voran, um allen zu zeigen, dass die Bergung funktioniert. Wenn sich die Kinder um die Reihenfolge streiten, haben sie eh schon gewonnen. Das würde beweisen, dass sie der Sache psychisch gewachsen sind. Von Vorteil ist im vorliegenden Fall, dass es sich um eine Sportmannschaft handelt, nicht um eine zufällig ausgewählte Truppe, die das Schicksal zusammengeführt hat. Die Jungs lassen sich nicht so leicht runterkriegen, halten zusammen, lassen sich  auch leiten, motivieren sich  wohl gegenseitig. Der Trainer hat als Alphatier die wichtigste Rolle. Später wird er sowieso eine auf den Deckel bekommen, weil er als Einheimischer zur Regenzeit in eine Höhle gegangen ist.

Sie haben 2014 sechseinhalb Tage lang  in der Riesending-Höhle ausgeharrt, um sich um den schwer verletzten Höhlenforscher  Johann Westhauser zu kümmern.  Würden Sie sich als Arzt und Rettungstaucher wieder in so eine Höhle wagen?
Auf alle Fälle. Ich bin ja in der Europäischen Höhlentaucherkommission für solche Fälle gelistet. Wenn man mich braucht, fliege ich dort hin. Ich glaube aber nicht, das meine Hilfe vonnöten ist.

Aus Ihrer Erfahrung: Wie groß ist die Belastung für die Helfer, die sich momentan in der Höhle bei den Kindern befinden?
Denen geht’s gut. Sie sind auf solche Szenarien vorbereitet, haben darauf hintrainiert. Wer’s schlecht wegsteckt, braucht ja nur zu sagen, dass es nicht mehr geht. Er kommt ja relativ leicht wieder aus der Höhle raus, die Kids nicht.

Der Höhlen-Arzt

Forscher und Taucher Martin Göksu, geboren 1977 in Villach,  arbeitet als Unfallorthopäde in Bayern. Seit 20 Jahre ist er Höhlenforscher und -taucher. Bekannt wurde er, als er 2014  in der bayerischen Riesending-Höhle beim verunglückten Forscher Johann Westhauser ausharrte.