Gisèle Pelicot im Interview: "Ich bin keine Ikone"
Gisèle Pelicot wurde im Herbst 2024 weltweit berühmt, als sie forderte, den Prozess gegen ihren Ex-Mann Dominique Pelicot und 50 weitere Männer, die sie über Jahre hinweg vergewaltigt hatten, während sie betäubt war, öffentlich zu machen. Im Gespräch erzählt sie, warum sie ein Buch über ihre Lebensgeschichte geschrieben hat und warum sie Dominique Pelicot im Gefängnis besuchen will.
KURIER: Seit Ihre Memoiren erschienen sind, geben Sie viele Interviews, absolvieren Auftritte, reisen in mehrere Länder. Wie gehen Sie mit der großen medialen Aufmerksamkeit um?
Gisèle Pelicot: Für mich ist das sehr wichtig, weil ich von meinem Buch spreche, in dem ich die Geschichte meines Lebens erzähle. Es geht darin um drei Generationen von Frauen: meine Großmutter, meine Mutter und mich selbst. Es geht um ihre Dramen, ihr Leid, ihre Freuden und auch ihre Resilienz – davon habe ich, denke ich, auch etwas geerbt. Ich beschreibe, wie ich zu der Frau wurde, die ich heute bin. Dieser Weg war nicht einfach, aber er erklärt, warum ich heute noch stehe.
Der Buchtitel „Eine Hymne an das Leben“ ist sehr positiv, nach vorne gerichtet.
Ja, denn das Leben ist lebenswert, trotz aller Prüfungen, die wir durchmachen. Man muss sich selbst erlauben, glücklich zu sein. Und das bin ich heute, trotz all der Belastungen dieses Prozesses, den ich hinter mir gelassen habe. Ich konnte mir auf diesem Ruinenfeld, das mein Leben war, etwas Neues aufbauen. Dabei war ich nicht alleine, ich habe mir Hilfe geholt – bei Therapeuten, meiner Familie, meinen Freunden. Ich habe mich nie isoliert.
Zu Beginn Ihres Buchs beschreiben Sie jenen Morgen im November 2020, als Ihr damaliger Mann und Sie im Polizeikommissariat vorgeladen waren. Dort erfuhren Sie, dass er Sie über Jahre mit Medikamenten betäubt und vergewaltigt hat und von anderen vergewaltigen ließ. Was ging in diesem Moment in Ihnen vor sich?
Als ich auf die Polizeiwache ging, ahnte ich nicht, dass gleich mein ganzes Leben zusammenbrechen würde. Ich hätte nie gedacht, dass dieser Mann mir so viele Misshandlungen antun könnte. Er hatte keinen Moment Mitleid. Man zeigte mir zwei, drei Fotos, doch ich erkannte mich nicht wieder. Für mich war das eine andere Frau. Diese Männer hatte ich nie gesehen – es erschien mir nicht möglich, dass sie in meinem Schlafzimmer waren. Ich brauchte fünf bis sechs Stunden, um zu akzeptieren, dass das real war. Es war eine unfassbare Erschütterung, wie ein Tsunami, der alles mit sich reißt.
Im Herbst 2024 begann der Prozess. Zur Überraschung sogar Ihrer Anwälte forderten Sie, dass er öffentlich stattfinden sollte. Warum war Ihnen das wichtig?
Anfangs hätte ich nicht gedacht, dass ich dazu in der Lage bin. Ich brauchte mehr als drei Jahre, um diese Entscheidung zu treffen. Zunächst wollte ich auf keinen Fall erkannt werden. Ursprünglich hatte ich geplant, nur an den ersten 15 Prozesstagen anwesend zu sein, weil danach im Verhandlungssaal die Videos von den Vergewaltigungen abgespielt werden würden, die ich nicht sehen wollte. Aber nach und nach gewann ich meine Kraft und mein Selbstvertrauen zurück. Ich traf diese Entscheidung, weil ich wusste, dass sie für mich wichtig sein würde, aber auch für andere. Meine Anwälte sagten mir, in dem Fall müsste ich die Videos ansehen, denn sie würden dann öffentlich gezeigt. Das war sehr schwierig.
Dominique Pelicot hatte die Vergewaltigungen durch ihn selbst, aber auch durch die anderen Männer gefilmt und dokumentiert.
Ja, und ich sah in den Videos, wie diese Männer mir furchtbare Schmerzen zufügten, mich folterten. Ich wurde ihnen zum Fraß vorgeworfen, mit dem Einverständnis von Herrn Pelicot. Als Vergewaltigungsopfer fühlt man sich oft schuldig, man fragt sich, was man getan, womit man das verdient hat. Aber dann sagte ich mir: Nein, Schluss jetzt, ich werde diesen Bestien ins Gesicht sehen. Sie müssen für ihre Verbrechen bezahlen und sie anerkennen. Bis zum Schluss habe ich ihnen die Stirn geboten, trotz der Erniedrigungen, die ich im Gerichtssaal ertragen musste. Sie und die Verteidiger haben mir nichts geschenkt.
Gisèle Pelicot mit Judith Perrignon: „Eine Hymne an das Leben“ (Piper, 256 Seiten, 26,95 Euro)
Im Buch beschreiben Sie die Angeklagten als eine „Meute“ von 50 Personen, die Ihnen gegenüberstehen.
Sie waren wie eine Mauer aus breiten Schultern. Sie starrten mich an, um mich zu provozieren. Aber es gelang mir, sie auf Abstand zu halten. Nur ein- oder zweimal musste ich den Saal verlassen, etwa als eine Anwältin sich erdreistete zu behaupten, mein Becken bewege sich in dem Video, und ihr Mandant könne denken, das sei ein Zeichen, dass ich einverstanden sei. Das war inakzeptabel. Man sah die Realitätsferne dieser Männer, die so taten, als sei es überhaupt nicht schlimm, was sie getan hatten, nämlich eine schlafende, betäubte Frau zu vergewaltigen, die kein Bewusstsein hatte. Und was noch erschreckender ist: Keiner von ihnen ist zur Polizei gegangen, um zu sagen, dass da etwas nicht stimmt. Einige gaben an, sie hätten keine Zeit gefunden, und wozu auch? Wenn der Ehemann sein Einverständnis gegeben habe, dann müsse die Frau ja zwangsläufig einverstanden sein. Was sich da geboten hat, war eine unglaubliche Feigheit bis zum Schluss.
Man konnte nicht alle Täter identifizieren, vermutlich waren es noch 20 bis 30 mehr. Denken Sie manchmal auch an die Männer, die niemals belangt wurden?
Anfangs habe ich sehr viel daran gedacht und mir gesagt: Vielleicht begegne ich einem von ihnen auf der Straße. Aber ich will nicht in Paranoia verfallen. Sollten sie eines Tages bei anderen Frauen wieder anfangen, hoffe ich sehr, dass sie ertappt und verhaftet werden. Und sollte es in meinem Fall einen weiteren Prozess geben gegen Täter, die erst später identifiziert wurden, würde ich wieder hingehen. Ich hätte sonst das Gefühl, all die Frauen im Stich zu lassen, die mich unterstützt und die mir vertraut haben. Letztlich konnte ich auch dank ihnen diesen Weg in diesem Prozess bis zum Ende gehen.
Sie wurden bei dem Prozess zu einer feministischen Ikone stilisiert und erhielten täglich Applaus überwiegend von Frauen. Waren Sie darauf vorbereitet?
Als der Prozess begann, habe ich nicht geahnt, welche Tragweite er bekommen sollte. Aber ich merkte früh, dass er anderen Frauen half, ihre Stimmen zu erheben. Die Eingangshalle des Gerichts und die für die Öffentlichkeit vorgesehenen Säle füllten sich immer mehr. Das hat mir unglaubliche Kraft gegeben. Auch die Tausenden Briefe, die ich bekommen habe, haben mir das Herz gewärmt. Darin stand auch viel Leid von Frauen, die sich mit meiner Geschichte identifizierten. Heute werde ich auf der Straße erkannt, aber ich fühle mich nicht wie eine Ikone. Die Historikerin Michelle Perrot sagte, ich sei eine Person, die das Bewusstsein aufweckt. Damit kann ich mich anfreunden.
In den Medien hieß es, die Angeklagten seien so eine Art „Herr Jedermann“. Aber kann man das wirklich von denen sagen, die in Ihr Haus kamen, um eine bewusstlose Frau zu vergewaltigen?
Auf den ersten Blick ja – diese Männer könnten Ihr Nachbar sein, Ihr Bruder, Ihr Cousin. Sie waren zum Zeitpunkt des Prozesses zwischen 22 und 70 Jahre alt. Sie hatten unterschiedliche soziale Hintergründe und Berufe, waren Familienväter, verheiratet, ledig – ja, es sind Jedermänner aber mit dem Profil von Perversen. Es wäre falsch, sie mit allen Männern gleichzusetzen. Ich weiß, dass sich viele Männer durch diesen Prozess auch selbst hinterfragt haben. Und ich glaube, das Thema chemische Unterwerfung wurde stärker ins Licht gerückt. Man hat gesehen, dass es sich dabei um ein Instrument männlicher Dominanz handelt. Meine Tochter Caroline hat 2023 eine Organisation für die Opfer gegründet. Wir konnten uns zuvor gar nicht vorstellen, dass es sich um ein weltweites Phänomen handelt. Ich dachte früher, sogenannte K.-o.-Tropfen würden nur in Diskotheken Frauen ins Glas gemischt, aber oft passiert es im engsten familiären Umfeld. Ich war kein Ausnahmefall. Es gibt ähnliche Fälle in allen Ländern.
Wie lässt es sich erklären, dass Sie all die Jahre nichts von der Medikamentenbeigabe und den Vergewaltigungen gemerkt haben?
Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich mit einem Vergewaltiger zusammenlebe. Ich fiel aus allen Wolken. Auch von seiner Perversion wusste ich nichts. Fast zehn Jahre lang hat Herr Pelicot mein Leben in Gefahr gebracht und kein einziges Mal hatte er Mitleid mit mir. Wenn ich morgens aufstand, sah er mir in die Augen, als wäre nichts gewesen. Wenn ich ihm von meinen Aussetzern erzählte, sagte er: ,Mach dir keine Sorgen, ich weiß, dass du nichts hast.’ Als ich einen Arzt aufsuchen wollte, sagte er: ,Du wirst nur die Kinder beunruhigen.’ Er hat es geschafft, mich zu manipulieren. Fast ein Jahrzehnt lang habe ich geglaubt, ich hätte dieselbe Krankheit wie meine Mutter – einen Hirntumor. Die Diagnosen der Ärzte lagen völlig daneben. Heute weiß ich, dass ich gesund bin, aber ich habe wirklich um mein Leben gefürchtet.
Aufgrund Ihrer verschiedenen Leiden und Erinnerungslücken gingen Sie jahrelang von einem Arzt zum nächsten, aber kein einziger nahm Ihnen Blut ab. Wie lässt sich das erklären?
Ich glaube, dass die Ärzte damals für diese Art von Gewalt nicht sensibilisiert waren, speziell für chemische Unterwerfung. Und ich erschien zu allen Terminen in Begleitung von Herrn Pelicot. Man kommt doch nicht auf die Idee, dass der Ehemann, der seine Frau begleitet, fähig sein könnte, sie zu vergiften. Niemand kam auf den Gedanken, ich könnte unter Drogen stehen. Alle dachten, ich sei eine Frau in einem gewissen Alter, die zu altern beginnt und das akzeptieren muss.
Als ich dann auf der Polizeiwache eine Haarprobe abgab, wurde nachgewiesen, dass sich seit fast zehn Jahren Substanzen in meinem Körper befanden. Später wurden vier sexuell übertragbare Krankheiten festgestellt, die vorher nicht entdeckt worden waren. Ich hoffe, inzwischen werden Ärzte aufmerksamer sein, wenn eine Patientin erzählt, dass sie nicht mehr weiß, was sie gestern gemacht hat, und dass auch bei möglichen Opfern das Bewusstsein geschärft wurde.
Sie sagten: Die Scham muss die Seite wechseln. Der Satz steht auch auf Ihrer Brosche, die Sie tragen.
Ja, ich habe sie Königin Camilla geschenkt, als ich sie vor ein paar Tagen getroffen habe, und sie hat sie sofort an ihrem Kleid befestigt. Die Scham muss die Seite wechseln, denn die Opfer leiden doppelt. Ich sage nicht, dass es leicht ist, aus dieser Rolle zu gelangen. Ich hatte die Beweise und musste sie nicht suchen. Ein Opfer ohne Beweise, das sich nicht traut, Anzeige zu erstatten, weil es Angst hat, muss begleitet werden, damit es Selbstvertrauen zurückgewinnen und zur Polizei gehen kann. Viele Frauen fürchten um ihre Familie oder sie leben in finanzieller Abhängigkeit. Es ist schwierig, alles von einem Tag auf den anderen zu verlassen. Bei diesem Prozess wurde nicht nur eine Familie zerstört, sondern 50 Familien. Diese Männer haben nicht ein einziges Mal über die Folgen ihrer Taten nachgedacht und darüber, dass das, was sie taten, abstoßend ist. Heute sitzen sie im Gefängnis.
Auch Ihr Ex-Mann sitzt in Haft. Wollen Sie ihn dort besuchen?
Ja, ich muss ihn sehen, um Antworten zu bekommen. Vielleicht werde ich sie nicht bekommen, aber es gehört mit zu meinem Weg, damit ich endgültig abschließen kann. Der Unterschied zwischen ihm und mir wird sein, dass ich mir mein Leben zurückerobert habe. Er wird, denke ich, nicht mehr derselbe sein. Ich werde einen Mann sehen, der genau weiß, dass er sein und unser Leben zerstört hat.
Sie haben einen neuen Partner. Ist das auch eine Art Neuanfang, von Resilienz?
Ja, und darin liegt auch eine Botschaft der Hoffnung. Selbst wenn man glaubt, dass alles zu Ende ist, hört das Leben nicht auf. Wenn man das Glück hat, eine gute Person zu treffen, darf man nicht daran vorbeigehen. Mein Partner und ich haben dasselbe Alter. Er hat ebenfalls schwierige Dinge durchgemacht, das verbindet uns. Ich bin 73 Jahre alt und möchte die schönen Jahre, die mir bleiben, noch genießen.
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