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Tod von Lyhanna (11): Frankreich empört über mögliches Behördenversagen

Gegen den Haupt-Tatverdächtigen lagen mehrere Anzeigen, unter anderem wegen Vergewaltigung von Kindern, vor – Jérôme Barella leugnet jede Verantwortung, doch das Mädchen wurde zuletzt in seinem Auto gesehen.
Simone Weiler aus Paris
FRANCE-CRIME-KIDNAPPING-POLICE-INVESTIGATION

Tief bedrückt war die Stimmung an diesem Freitagmorgen in der Mittelschule in Fleurance im südwestfranzösischen Gers. Der Unterricht fiel aus, stattdessen kamen Lehrer, Eltern und Kinder zusammen, um der elfjährigen Lyhanna zu gedenken, die dort Schülerin war. 

Am Vorabend war ihre Leiche in einem Silo gefunden worden. Seit dem Verschwinden des Mädchens am Freitagnachmittag vor einer Woche hatten ein Großaufgebot der Polizei mit umfassenden technischen Mitteln, aber auch Bürger die ganze Region abgegrast. Fahndungsfotos zeigten ein fröhlich lächelndes Mädchen. „Die Trauer und die Wut der Eltern lassen sich nicht in Worte fassen“, sagte deren Anwalt, François Roujou de Boubée, nach der schrecklichen Entdeckung.

Empörung über ein mögliches Behördenversagen

Im ganzen Land herrscht nicht nur große Bestürzung, sondern auch Empörung über ein mögliches Behördenversagen. Denn gegen den Tatverdächtigen Jérôme Barella lagen mehrere Hinweise wegen sexueller Belästigung sowie Anzeigen wegen Vergewaltigung Minderjähriger vor, ohne dass er je juristisch belangt wurde. Der 41-Jährige sitzt in Untersuchungshaft, verweigert jede Zusammenarbeit mit den Ermittlern und leugnet seine Schuld. Doch die Tatsachen belasten ihn schwer.

Nicht nur hat er früher in dem landwirtschaftlichen Betrieb gearbeitet, in dem das tote Kind gefunden wurde. Auch zeigten Bilder der Videoüberwachung, dass Lyhanna nach der Schule in sein Auto stieg – was Barella zunächst ebenfalls leugnete, bevor er behauptete, sie zum städtischen Schwimmbad gefahren zu haben, wo sie jedoch nie ankam. Beide kannten einander, denn die Jugendliche war mit der älteren seiner beiden Töchter befreundet. Weil Lyhanna ihren Eltern einige Monate zuvor erzählt hatte, dass Barella sie bei einer Pyjama-Party kitzelte, hatten diese jeglichen Kontakt verboten.

Es gab noch weitere, ähnlich gelagerte Vorwürfe gegen den verheirateten Familienvater. So beschuldigte ihn die Mutter einer anderen Freundin seiner Tochter, diese zwischen September 2024 und Mai 2025 mehrmals in seinem Haus vergewaltigt zu haben. Zwar leitete die zuständige Staatsanwaltschaft in Auch nach der Klage im August 2025 eine Untersuchung ein, doch war Barella nie vorgeladen und verhört worden. Auf die mehrmaligen Nachfragen der Mutter bei der Polizei zum Stand der Ermittlungen wurde sie schroff abgewiesen, berichtete sie Medien.

Ermittlungen eingestellt

Bereits 2022 warfen Eltern Barella die Vergewaltigung einer zur Tatzeit knapp Siebenjährigen zwei Jahre zuvor in seinem Haus vor, doch die Ermittlungen wurden mangels „handfester Beweise“ eingestellt. 2017 hatte eine weitere Mutter gegen den damals 30-Jährigen Anzeige erstattet, der ein Verhältnis mit ihrer 17-jährigen Tochter hatte – doch es war einvernehmlich und die Behörden gingen dem nicht weiter nach. 2021 war er aufgrund einer „unangemessenen Beziehung“ mit einer Gymnasiastin von seiner Stelle als Aushilfe-Hausmeister einer Schule entlassen worden.

Angesichts dieser Vorgeschichte bleibt unklar, warum dieser Mann völlig unbehelligt leben und möglicherweise weitere Taten begehen konnte. „Müssen wir wirklich immer darauf warten, dass handfeste Beweise vorliegen, bevor wir endlich etwas unternehmen, um unsere Kinder zu schützen?“, fragte der Bürgermeister von Fleurance, Grégory Bobbato.

Politik Frankreichs gesteht Fehler der Behörden ein

Die gesamte politische Klasse zeigt sich erschüttert, die Verantwortlichen gestanden ein Versagen der zuständigen Behörden ein. „Wir sind alle entsetzt über diese systematischen Fehler, die unsere mangelhafte Organisation offenbart und auch darüber, dass wir die Aussagen von Kindern nicht ernst nehmen“, sagte Justizminister Gérald Darmanin. Am Montag empfängt er die höchsten Justizbeamten des Landes, auch eine Verwaltungsuntersuchung wurde eingeleitet. 

Vor gut einem Jahr hatte ein Abgeordneter der Region auf die „alarmierende Situation“ des Verwaltungsgerichts von Auch angesichts des Finanz- und Personalmangels hingewiesen, der zu einer Arbeitsüberlastung der Angestellten führte. Die Vertreter von Opfervereinigung beklagen, dass die langsame Reaktion der Behörden trotz schwerwiegendster Vorwürfe keine Seltenheit sei. Premierminister Sébastien Lecornu besprach sich am Freitag mit den zuständigen Ministern. 

Für die kleine Lyhanna und ihre Familie kommt dieser Aktivismus jedoch zu spät.

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