"DJ Baguette": Wenn die Bäckerei zur Disko für alle wird

Dorian Gamon alias „DJ Baguette“ legt in Backstuben in ganz Frankreich auf mit dem Ziel, diese bewusst zu unterstützen - mit überwältigendem Erfolg.
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„Alle Hände in die Luft in dieser Bäckerei!“ Dorian Gamon trägt eine schillernde Sonnenbrille und ein Matrosenhemd und tut etwas, das in einer Backstube eher ungewöhnlich ist: er steht vor einem kleinen Mixpult, legt Musik auf, tanzt ausgelassen und animiert die Gäste dazu, es ihm gleichzutun. Und das funktioniert: Rund ein Dutzend Menschen bewegen sich fröhlich im Takt, während Luftballons zwischen ihnen herumfliegen.

Einen besonderen Anlass für die Party gibt es nicht – außer jenen, dass die Besitzer des Bäckerladens im Dorf Censeau im französischen Jura „DJ Baguette“ eingeladen haben, um für Stimmung zu sorgen. „Wir wussten nicht, was uns genau erwartet“, sagt Bäckermeister Lionel Aymonier lachend. „Es ist erst der Anfang und wir haben bald nichts mehr zu essen und zu trinken, so viele Leute sind gekommen.“

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DJ Baguette: „Viele DJs verlassen die traditionellen Bars und Clubs, um in ungewöhnlichen Orten aufzulegen."

Besucht Bäckereien im ganzen Land

Seit Mai vergangenen Jahres kommt Dorian Gamon alias „DJ Baguette“ aus Valence in Südostfrankreich regelmäßig in Bäckereien im ganzen Land. Demnächst wird er seinen 60. Auftritt haben und sein Terminkalender für die nächsten Wochen ist schon voll. Er wolle auf seine Art die für das Dorfleben so wichtigen Läden unterstützen, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. „Viele DJs verlassen die traditionellen Bars und Clubs, um in ungewöhnlichen Orten aufzulegen.“ 

Also habe er sich gedacht: Warum nicht in kleine Dörfer fahren, wo der Zugang zu kulturellem Angebot geringer sei? „Auch viele ältere Leute tanzen gerne, ihnen fehlt nur meistens die Gelegenheit dazu.“ Inspirieren ließ er sich ursprünglich vom französischen Star-DJ und Plattenproduzent Bob Sinclair, der in einer Pariser Bäckerei auftrat.

Nachdem der 29-Jährige im April 2025 einen Aufruf in den sozialen Netzwerken gestartet hatte, war die Resonanz sofort enorm. Manche Videos, erzählt er stolz, seien Millionen Male geklickt worden. In der Folge luden ihn immer mehr Ladenbesitzer in ganz Frankreich ein. Ein Honorar verlangt der DJ nicht, er lässt sich lediglich die Fahrtkosten erstatten. Sein Vater, der schon in Rente ist, begleitet ihn. So hat sich ein Rhythmus eingependelt. „Zu Wochenbeginn lege ich in Bäckereien auf, am Wochenende dann in Clubs, Restaurants oder bei Partys, denn davon lebe ich“, erzählt Gamon. „Seit ich 15 bin, arbeite ich als DJ.“ In den sozialen Medien hat er inzwischen eine große Fangemeinde, viele Fernsehsender berichteten über ihn. „Unglaublich“ sei das Interesse an seinem Angebot, freut sich der junge Mann. „Manchmal klingelt mein Telefon alle zehn Minuten.“

Mehr Bäckereien als jedes andere europäische Land

Frankreich zählt rund 35.000 Bäckereien, mehr als jedes andere europäische Land. Nur wenn das Brot direkt in der Bäckerei hergestellt und kein vorgefertigter Teig verwendet wird, darf sich ein Betrieb als „Boulangerie Artisanale“, als handwerkliche Bäckerei, bezeichnen. Diese seit 1993 geltende Vorschrift schützt die Unternehmen, die ihre Ware von A bis Z selbst und vor Ort zubereiten. Ihre Zahl bleibt seit 20 Jahren stabil und stieg zuletzt sogar leicht an. Dennoch, so „DJ Baguette“, brauche es weitere Unterstützung für die Backstuben. Immer öfter verlassen sie die Innenstädte und ziehen in Einkaufszentren an deren Ränder. „Ich habe selbst in einem Dorf gelebt, in dem die kleinen Läden allmählich verschwanden, also sagte ich mir, das dürfen wir nicht zulassen.“ Auch stelle er fest, dass sich jüngere Menschen zunehmend von lokalen Betrieben abwenden, weil sie infolge der Digitalisierung an Online-Bestellungen und in den Supermärkten an automatische Kassen gewöhnt seien. Er wolle, betont Dorian Gamon, Musik mit diesem wunderbaren Handwerk verbinden.

Und noch eine wichtige Funktion erfülle die Feier in ihrem Geschäft, sagt Stéphanie Voiret, Bäckermeisterin in Censeau, die ihn eingeladen hat. „Diese Aktion bringt die Menschen zusammen – und das ist genau das, was heute fehlt.“ Bei ihren morgendlichen Verkaufstouren in die umliegenden Dörfer stelle sie immer fest, dass die Kunden großen Bedarf nach sozialem Kontakt und Austausch haben. Die Bäckereien gehören zu den wenigen Orten, in denen sich alle Generationen treffen, betont Dorian Gamon. „Sie sind Orte des Vertrauens, an denen man sich wohlfühlt: Hier lassen Eltern zum ersten Mal ihre Kinder alleine etwas kaufen, während sie selbst vor der Tür warten.“ Er wolle seinen Teil dazu beitragen, dass das auch in Zukunft so bleibt.

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