Chronik | Welt
09.10.2018

Falsche Pässe, hohe Orden

Die Skripal-Attentäter sind identifiziert. Dass das möglich war, liegt vor allem an Schleißigkeit

Auch Geheimdienste kochen allem Anschein nach nur mit Wasser. Und betrachtet man die Fake-Identitäten, mit denen Moskau anscheinend zwei Männer losschickte, um den Überläufer und Ex-Doppelagenten Sergej Skripal zu vergiften, so wirken diese wie dünne Süppchen.

Nachdem einer der von Großbritannien gesuchten Männer bereits mit Namen und Geburtsdatum identifiziert wurde, ist jetzt auch die Identität des zweiten Mannes geklärt. Jener Mann, der mit einem auf den Namen Alexander Petrow lautenden Pass nach Großbritannien eingereist war, heißt laut der Rechercheplattform Bellingcat tatsächlich Alexander Yevgenyevich Mishkin. Er wurde am 13. 7. 1979 geboren, zum Militärarzt ausgebildet, noch während des Studiums vom Militärgeheimdienst GRU angeworben. Er lebt seit spätestens 2010 in Moskau, hat seither einen auf Petrow lautenden Pass und war bis 2014 unter der Adresse des GRU-Hauptquartiers gemeldet. Zwischen 2011 und 2014 reiste er zudem viele Male in die Ukraine und nach Moldawien.

Während Russlands Staatschef Wladimir Putin derzeit kaum eine Möglichkeit auslässt, diese Indizienkette ins Lächerliche zu ziehen („Blödsinn“), um zugleich Skripal anzuschwärzen („Dreckskerl“, „Verräter“), offenbaren die Erkenntnisse von Bellingcat haarsträubende Schwächen bei den russischen Diensten. Denn Bellingcat tut nichts anderes, als öffentliche oder leicht zugängliche Informationen zusammenzufügen. So wurde einer der Attentäter über die Jahrbücher einer Militärakademie sowie Angaben einer nicht-staatlichen Veteranenplattform identifiziert, zusätzliche Infos lieferten Daten aus dem Melde- sowie Passregister. Letzteres förderte zutage, dass sich in den Pass-Akten der Verdächtigen, markante Lücken befinden. Zudem waren die Reisedokumente der Verdächtigen mit fortlaufenden Nummern ausgestellt worden.

Dekorierte „Zivilisten“

Putin selbst hatte brüsk zurückgewiesen, dass es sich bei den beiden Verdächtigen um GRU-Agenten handeln könnte. „Zivilisten“ nannte er sie. Wenige Stunden später gaben die beiden „Zivilisten“ dem russischen Propaganda-Sender RT ein Interview. Das wiederum war nur knapp bevor Belingcat-Recherchen den unter dem Namen Ruslan Boshirow gereisten Attentäter als Anatoliy Chepiga identifizierten.

2014 war Chepiga mit dem Titel Held der Russischen Föderation ausgezeichnet worden. Der Orden ist die höchste Auszeichnung, die der russische Staat zu vergeben hat. Überreicht wird sie üblicherweise von Putin höchst persönlich.

Auch Mishkin soll diesen Titel laut Bellingcat Ende 2014 erhalten haben. Der Zeitpunkt legt nahe, dass beide für Aktionen in der Ukraine ausgezeichnet wurden. Genannt werden die Annexion der Krim oder die Flucht des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch Anfang 2014.