Die „Brücke des 25. April“ aus der Zeit der Diktatur erinnert an die Revolution

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Chronik Welt
06/16/2019

Brandstätters Blick: „Es riecht nach Blumen und Meer“

Portugals Weg aus der grausamen Diktatur zu einem erfolgreichen Mitglied der EU.

von Helmut Brandstätter

Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat seine Hausaufgaben zur vollsten Zufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger erledigt, wie zur Belohnung darf er morgen in eines der schönsten und interessantesten Länder der Europäischen Union reisen, nach Portugal. Lissabon war einst das Tor in eine neue Welt, jeder kennt die große Hängebrücke, die sich über den Tejo spannt, bevor der Fluss, aus der spanischen Provinz Teruel kommend, sich in den Atlantik ergießt.

Fertig gestellt wurde die Brücke im Jahr 1966 und damals nach dem Diktator António Salazar (1889–1970) benannt. Seit die Offiziere am 25. April 1974 gegen Salazars Nachfolger geputscht und die Demokratie ausgerufen hatten, ist es die Brücke des 25. April, wie so vieles an dieses historische Datum erinnert. Ausgeblutet vom Krieg in den afrikanischen Provinzen hatten linke Offiziere ihre „Nelkenrevolution“ begonnen, friedlich und mit großen Zielen, sie wollten ein sozialistisches Land mit verstaatlichter Industrie und bäuerlichen Kooperativen.

ORF-Reportage 1982

Nach einem Studienaufenthalt im Winter 1980 durfte ich im Sommer 1982 meine erste Auslandsreportage für den ORF filmen. Meinem damaligen Chef und späteren KURIER-Herausgeber Peter Rabl bin ich noch heute dankbar. Heute wirkt dieser Film ziemlich traurig. Zu Beginn sagt die Schriftstellerin Natália Correia: „ Wir hatten eine Revolution mit Blumen, heute haben wir die Hände voll toter Blumen.“ Ich erlebte ein rückständiges Land, mit großen Wellblechhüttensiedlungen in Lissabon und armen Bauern am Land. Mário Soares, damals Chef der Sozialisten und später Staatspräsident meinte im Interview: „Unsere sozialen Strukturen sind nach fast 50 Jahren harter und grausamer Diktatur zerstört.“

Die Struktur der Wirtschaft war bald umstritten. Die Offiziere hatten Banken und Industrie verstaatlicht, Ministerpräsident Francisco Pinto Balsemão erzählte mir, dass seine Regierung die Privatwirtschaft fördern werde. Seine Partei nannte sich sozialdemokratisch, obwohl sie eher konservativ ausgerichtet war, es gibt diese PSD bis heute, Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa gehört ihr an, Regierungschef ist der Sozialist António Costa. Die beiden großen Parteien arbeiteten immer wieder zusammen oder wechselten einander in der Regierung ab, Rechtspopulisten haben bis heute keine Chance.

Damals, im Jahr 1982 war ein Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, trotzdem wurde die Hälfte der Lebensmittel importiert, heute sind es noch 8 Prozent. Die Bauern bearbeiteten ihr Land mit der Spitzhacke, im Süden in Kooperativen, im Norden in winzigen Höfen. Die Straßen waren schlecht, wegen der vielen Pferdefuhrwerke kam man kaum voran.

Die EU als große Hilfe

Der Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft mit Spanien im Jahr 1986 hat die Wirtschaft mächtig angekurbelt. Beim Bruttoinlandsprodukt liegt Portugal mit rund 19.600 Euro pro Kopf noch immer im hinteren Bereich, aber bei der Arbeitslosigkeit ist Portugal für ein ärmeres Land Vorbild: 6,4 Prozent, das ist besser als der EU-Schnitt.

Lissabon wirkte damals im Zentrum verfallen, am Stadtrand gab es Slums. Heute ist die Hauptstadt ein lebhaftes Zentrum, attraktiv auch für Investoren innovativer Unternehmen. Der Tourismus bringt wachsende Einnahmen, Hotelburgen an der einmaligen Algarve-Küste gehören leider auch dazu.

Und dann gibt es die viel zitierte „Saudade“, die den Volkscharakter der Portugiesen erklären soll, der intensiv und nicht nur für Touristen im Volkslied, dem Fado besungen wird. Saudade – das kann man am ehesten mit Sehnsucht übersetzen, deshalb klingen Fados oft etwas weinerlich. Aber es gibt auch das fröhliche Lied der Königin des Fado Amália Rodrigues, „Cheira beim, cheira Lisboa, das die Stadt besingt und so endet: „Lissabon riecht nach Blumen und nach Meer“ .

Die Gastfreundschaft konnten nach dem Krieg rund 5.500 österreichische Kinder genießen, die mithilfe der Caritas zur Erholung zu Familien nach Portugal kamen. Einige von ihnen wird Alexander Van der Bellen kommende Woche besuchen, und er wird an einem Wirtschaftsforum teilnehmen.

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