Chronik | Welt
08.10.2018

Berlin gegen Araber-Clans: Auto, Haus, Rolex und Kinder weg

Nach jahrelangem Wegschauen wird kriminellen Araber-Clans in Berlin der Kampf angesagt. Denn „es reicht“.

Der Deutschrapper Bushido war jahrelang in den Fängen eines arabischen Clans, dem er sogar eine Vollmacht über seine Geschäfte unterschrieben hatte. Ab heute, Montag, moderiert er eine morgendliche Radiosendung in Berlin. Er sei „endlich wieder frei“.

Er habe „nichts zu melden“ gehabt, sagte Bushido kürzlich über seine Zeit bei der arabisch-libanesischen Mafiafamilie A. in Berlin. „Arafat A. bestimmte unser gesamtes Leben, das Denken meines Mannes“, sagt seine Frau Anna-Maria Ferchichi im Interview mit dem Stern. Bushidos Geschäftspartner machte ihnen das Leben zur Hölle. „Er hat uns lange genug abkassiert und beinahe unsere Ehe zerstört“, zogen sie einen Schlussstrich.

Nach jahrelangem Wegschauen und Kleinreden der Probleme scheint der Berliner Senat nun fest entschlossen, den 14 in Berlin ansässigen kriminellen Araber-Familien mit jeweils bis zu 400 Mitgliedern den Kampf anzusagen. Und zwar richtig.

Dazu nutzen die Sicherheitsbehörden ein neues Gesetz nach italienischem Vorbild: Das Vermögen der Familien darf seit 2017 beschlagnahmt werden, wenn der dringende Verdacht besteht, dass dieses Vermögen durch eine oder mehrere Straftaten angehäuft wurde.

Immobilien kassiert

Im Juli beschlagnahmte die Berliner Polizei 77 Immobilien einer Großfamilie im Wert von zehn Millionen Euro. Sie sollen ihre Millionen unter anderem mit einem Einbruch in eine Sparkasse und dem Ausräumen der Schließfächer gemacht haben. Als dann auch noch mehrere Hartz-IV-Empfänger, also langzeitarbeitslose Sozialhilfeempfänger, als Eigentümer der Liegenschaften auftauchten, schlugen die Ermittler zu.

Nach dem ersten Schock für die streng hierarchisch aufgebauten Familien droht nun der zweite. Der Berliner Senat überlegt, den Familien ihre Kinder wegzunehmen, da sie in einem höchst kriminellen Umfeld aufwachsen. Man will die Kleinen beschützen und ihren Vätern gleichzeitig klarmachen, dass jetzt „Schluss mit lustig“ ist.

Die Jugendsenatorin Sandra Scheers (SPD) findet, dass das Aufwachsen in einem kriminellen Umfeld eine Kindeswohlgefährdung darstellt, die eine Inobhutnahme rechtfertigt. Neuköllns Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) fordert „rechtssichere Instrumente“, da sich die Clans die besten Anwälte leisten. „Daran hakt es noch. Denn das Elternrecht auf Erziehung ist ein hohes Gut.“

Im Bezirk Neukölln wird fast jedes Wochenende irgendein Lokal von rivalisierenden Clans zertrümmert. Wer nicht pünktlich Schutzgeld zahlt, wird zumindest niedergeschlagen.

Liecke berichtete der Welt von zwei Brüdern des bekannten Clans R., die erst neun und 14 Jahre alt sind und bereits jetzt kriminell. „Sie müssten jetzt mindestens mal ein Jahr aus der Familie herausgenommen werden und wieder auf die Spur gesetzt werden“, sagt er.

Und den Vätern „muss man die Autos wegnehmen, die Porsches, die Immobilien, die Möbel, die Rolex...“

Leider spielen dabei viele Richter mit ihren „Wischiwaschi-Urteilen“ nicht mit, ärgert sich Liecke. Aber: „Wattebauschpolitik funktioniert nicht mehr.“

2000 beim Begräbnis

Das zeigte sich zuletzt Anfang September. Der Intensivtäter Nidal R., 36, der sein halbes Leben in Haft verbrachte, wurde von der Revier-Konkurrenz erschossen. Zu seinem Begräbnis kamen 2000 Verwandte und Freunde, nur Männer, keine Frauen.

In seinem Heimatbezirk Neukölln wurde ein überlebensgroßes Graffiti zu seinem Andenken geschaffen und von der Polizei umgehend entfernt.

Der Migrationsforscher Ralf Ghadban sagt, die Kriminellen behandeln Deutschland als „Beutegesellschaft“ und betrachten staatliche Unterstützung als ihr „Grundgehalt“. Im Dezernat für Organisierte Kriminalität weiß man, dass die Clans den Rechtsstaat in „keiner Weise anerkennen“.

Mit Drogenhandel, Prostitution, Schutzgeld und Erpressung verdienen sie prächtig. Und dann kommt es immer wieder zu spektakulären Coups wie dem Raubüberfall auf ein Poker-Turnier, den Juwelenraub im KaDeWe und den Goldmünzenraub im Bode-Museum.