Chronik
09.04.2017

Verwaltung und Vergewaltigung

Ich habe vor Jahren aus einem Text von Egyd Gstättner zitiert, der die Situation Hunderttausender von arbeitenden Menschen so treffend beschreibt wie kein anderer. Aus gegebenem Anlass (siehe Ende) hier noch einmal ein Auszug:

"Ich bin eines der letzten Lebewesen auf diesem Planeten ohne Qualitätsmanagement (…). Ich evaluiere nicht, ich dokumentiere nicht. (…) Vor lauter Evaluieren und Dokumentieren kommen die Pflegerinnen und Pfleger nicht mehr zum Pflegen, die Lehrer nicht mehr zum Lehren, die Ärzte nicht mehr zum Behandeln, die Wissenschaftler nicht mehr zum Forschen, die Katholiken nicht mehr zur Nächstenliebe, die Sozialisten nicht mehr zum Sozialsein. Alle stöhnen, alle füllen unablässig irgendwelche elendslangen kleingedruckten Listen und Fragebögen aus, die kein Mensch jemals lesen wird. Alle diese stumpfsinnigen (Kompetenzsicherungs-)Listen und (Qualitätssicherungs-)Fragebögen füllen sie im Namen einer mystischen Pseudoobjektivierung aus, die nichts anders ist als Millionen verschlingende heiße Luft. (…) Es fängt in der Schule an: Mathematikschularbeiten sind heute Schwedenrätsel: Man darf nicht mehr rechnen, sondern nur noch ankreuzen, ob eine vorgegebene Rechnung richtig oder falsch ist. Die pädagogische Botschaft ist klar: Sei unproduktiv! Sei unkreativ! Sei passiv! So standardisiert bist du am leichtesten zu verwalten/unterjochen! Nie haben Verwaltung und Vergewaltigung ähnlicher geklungen! (...) Ich verweigere alle Spezialseminare sämtlicher Spezialreferenten mit selbst gebastelten Witztiteln (Lebensqualitätsdesigner, Megametatrainer). Ich verweigere CareerWorkshops und wertorientierte Kompetenzanalysen, Initiativbewerbungen oder Selbstpräsentationen. Das Netzwerken überlasse ich den Fischern in Grado. (…) "

Warum ich Egyd Gstättner drei Jahre nach Veröffentlichung dieses Textes wieder bemühe? Weil ihn eine hoch verdiente Mitarbeiterin des Bildungsministeriums, die jetzt in Pension geht, in den Anhang ihres Verabschiedungs-Mails gestellt hat. Sie "empfiehlt die Lektüre allen, die noch im aktiven Berufsleben stehen". Danke, Elfie! Und jetzt müsste halt irgendwer in der Schulverwaltung auch den Mumm haben, den Dokumentierungwahn zu beenden.