Chronik
28.03.2018

Städte stehen autonomen Autos im Weg

Autonomes Fahren. Laut Experte Ernst Pfleger ist Verkehr im urbanen Raum zu komplex für selbstfahrende Fahrzeuge

Schon in zwölf Jahren sollen selbstfahrende Autos in Österreich zum Straßenbild gehören – diese Zukunftsmusik spielten zumindest das Verkehrsministerium, die ÖBB und die Asfinag in einer gemeinsamen Pressekonferenz in der vergangenen Wochen.

Der KURIER wollte wissen, ob Verkehrsexperten mit diesen Vorstellungen konform gehen und befragte Ernst Pfleger dazu. Er ist Unfallforscher und Universitätsprofessor.

So überzeugt er von Fahrassistenzsystemen auch ist, überall wird vollautonomes Fahren seiner Meinung nach nicht so schnell eingesetzt werden können: „Es ist durchaus realistisch, dass autonomes Fahren bis 2030 in Österreich zum Alltag gehört, aber nur auf hochrangigen Straßen wie Autobahnen, Schnellstraßen oder voll ausgebauten Landstraßen. In Städten gibt es zu viele Interaktionen zwischen den Verkehrsteilnehmern“, sagt Pfleger.

Umbauten notwendig

Außerdem seien urbane Strukturen mit ihrer Vielzahl an verschiedenen Verkehrsregelungen zu komplex aufgebaut, als dass selbstfahrende Autos sicher durch die Gassen kurven könnten: „In Kernbereichen, wo es alte Stadtstrukturen gibt, wäre autonomes Fahren mit der derzeitigen Technik noch nicht möglich. Es wären viele Umbauten notwendig und es muss mehr Know-how entwickelt werden. Dazu braucht es interdisziplinäre Forschung. Die Fahrzeugindustrie ist gefordert, noch mehr Sachwissen aus der Unfallforschung einzubinden“, erklärt der Experte.

Auf Autobahnen seien vollautomatisierte Abläufe ein großer Zugewinn für die Sicherheit. Fahrassistenzsysteme, die bereits jetzt in vielen Fahrzeugen Standard sind, seien laut Pfleger fast alle sinnvoll: „Notbremssysteme sind beispielsweise sehr effektiv, wenn sie nicht nur Gefahren melden und Fußgänger oder Radfahrer erkennen, sondern auch aktiv bremsen“. Auch Spurhalte-Assistenz oder Einparkhilfe tragen meist zur Sicherheit bei.“ Es müsse aber immer klar sein, dass sich der Mensch derzeit nicht voll auf die Technik verlassen sollte.

Das ethische Dilemma

Beim Thema autonomes Fahren stünden heute vor allem technische Innovationen der Entwickler im Mittelpunkt. Ein wichtiger Aspekt sei aber auch die Ethik. „Die Frage ist etwa, wie das System im Notfall entscheidet. Würde das Auto im Zweifelsfall in den Gegenverkehr lenken oder auf den Fußgänger zusteuern?“ Auch die Schuldfrage müsste für die Zukunft geklärt werden, denn verursacht ein autonomer Pkw einen Unfall, ist nicht sofort klar, ob der Lenker oder das System die Schuld trägt. War die Software fehlerhaft, wer würde dann haften? „Daher ist autonomes Fahren im Moment nur auf Autobahnen anzudenken wo es eben keine Fußgänger oder Radfahrer gibt.“

Neue Verkehrsregeln müssten bis in zwölf Jahren langsam an die technischen Systeme und das „neue Fahren“ angepasst werden. Der Universitätsprofessor warnt allerdings davor, vorschnell zu reglementieren. „Würde man jetzt schon alle Regeln setzen, stünde das weiteren Innovationen im Weg.“

„Die Versicherer werden davon profitieren“

So skeptisch viele Österreicher in puncto autonomes Fahren noch sind, so positiv dürften  die Versicherer  der neuen Technologie entgegenblicken. Ein Umstand, der aber auch den Autofahrern die Skepsis nehmen kann.  
Martin Hoffer, Leiter der  ÖAMTC-Rechtsdienste, erklärt, warum  kein Lenker mit einem autonomen Fahrzeug, Angst vor Schäden haben muss: „Das wird zivilrechtlich ebenso geklärt werden, wie wenn jetzt  ein  Reifen aufgrund von Materialschwäche platzt. Die Haftpflichtversicherung wird für Schäden aufkommen und sich dann an den Hersteller wenden, um eventuell Geld zurückzuholen.“  Komme es aufgrund eines Softwarefehlers zu einem Schaden, werde es das gleiche Prozedere geben.
Und auch gegen  einem unverschuldeten Strafzettel, wird sich der Lenker einfacher wehren können. Durch elektronische Protokolle kann bewiesen werden, dass die Software und nicht der Lenker falsch reagiert hat.
Gewinner sind laut dem Rechtsexperten vermutlich  die Versicherer. Eine Entwicklung hin zur Sicherheit, wird aber auch mit weniger „Spaß am Fahren“ verbunden sein:  „Versicherungen  werden  profitieren, weil Unfälle  viel unwahrscheinlicher werden. Das  Auto wird in der Tempo-30-Zone  tatsächlich 30 fahren, weil es so programmiert  ist. Fällt der Mensch als Lenker weg, werden viele riskante Situationen gar nicht erst entstehen“, sagt Hoffer.