Chronik | Österreich
17.04.2017

Im Priesterseminar: Warum dienen Sie Gott?

Die Kirche steckt in der Krise. Immer weniger Katholiken besuchen den Gottesdienst, Priesterweihen gehen zurück. Der KURIER hat zwei Berufene einen Tag lang begleitet und mit ihnen über ihre Entscheidung, Gott zu dienen, gesprochen. Wie stehen sie zum Zölibat? Und: Vermissen sie den Sex? Mit Video.

"Damals habe ich gebetet, dass mein Sohn Priester wird. Dass ich dann berufen werde, hätte ich nicht gedacht!", erzählt Wolfgang Hohenberger und lacht. Der gebürtige Kärntner gilt mit seinen 58 Jahren als Spätberufener unter den Priesterseminaristen, die ihren Weg ins überdiözesane Priesterseminar Leopoldinum in Heiligenkreuz (Niederösterreich) gefunden haben.

"Cool, dann hab‘ ich einen katholischen Priester als Vater"

Kurze, weißgraue Haare, braunes Poloshirt, die Beine überkreuzt. Hohenberger sitzt zurückgelehnt auf einer Holzbank, die ein Stück oberhalb des Stifts Heiligenkreuz zum Verweilen einlädt. Ein geschotterter Pfad führt entlang eines Kreuzwegs, der von Kastanienbäumen gesäumt wird, die jungen Blätter sprießen lindgrün. Hohenberger erzählt an diesem warmen Apriltag von seiner "Berufung", die er vor vier Jahren im Wallfahrtsort Medjugorje erfahren habe. "Ich habe es in meinem Herzen verspürt".

Mit dem Tod seines Vaters vor vielen Jahren sind bei ihm Sinnfragen aufgetaucht. Er nennt dies „Zeit der Suche". Vorher habe er immer Menschen verurteilt. Dann, "auf dem Weg der Stille" am Jakobsweg, habe er sich gefragt: "Was mache ich falsch? Und wo gehe ich mit meinen Fehlern hin? Ich habe sie zu Jesus Christus gegeben – und dann habe ich mich frei gefühlt."

Sein Sohn habe auf seine Entscheidung, Pfarrer zu werden, gelassen reagiert: "Cool, dann hab‘ ich einen katholischen Priester als Vater".

"Manche Freunde haben sich ein bisserl distanziert"

Mitte zwanzig und damit nicht einmal halb so alt ist der zweite Priesterseminarist, den wir durch seinen Tag begleiten. Dominik Wagner, groß gewachsen, mit Brille und Dreitagesbart, wuchs in einem gläubigen Elternhaus in der Steiermark auf und studiert hier für die Diözese Graz-Seckau. "Meine Eltern haben mich immer unterstützt, aber sie haben mich nie zu irgendetwas gedrängt."

Ob seiner Berufswahl gab es "natürlich kritische Stimmen. Was die Menschen im Hintergrund reden, das weiß ich nicht. Manche Freunde haben sich natürlich ein bisserl distanziert. Sie sagten, dass sie sich nicht gleich in die Kirchen hineinziehen lassen wollen." Aber mit vielen sei eine gute Freundschaft geblieben, sein Eintritt ins Priesterseminar durchwegs positiv aufgenommen worden.

Acht Jahre Ausbildung – und Momente des Zweifels

Acht Jahre dauert die Ausbildung zum Priester, so lange wie in kaum einen anderen Beruf. Nach dem Einführungsjahr, dem Propädeutikum, folgt die Zeit im Priesterseminar und das Studium der Theologie (fünf Jahre). Im Regelfall wird danach ein Jahr in einer Pfarre absolviert, das Pastoralpraktikum. Im Diakonatsjahr soll abschließend die selbstständige seelsorgerliche Arbeit als Diakon erlernt werden, bevor die Priesterweihe folgt.

Ein Großteil dieses Weges zur Weihe kann hier, mitten im Wienerwald, nur 15 Autominuten von der südlichen Wiener Stadtgrenze entfernt, begangen werden. Neben der Zisterzienserabtei Stift Heiligenkreuz umfasst das Areal auch die 2015 an Stelle des ehemaligen Meiereihofs moderne ausgebaute Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. sowie das 1975 gegründete Priesterseminar Leopoldinum.

Acht Jahre - eine lange Zeit zum Nachdenken. Gibt es Momente des Zweifelns, die richtige Entscheidung getroffen zu haben? "Ich habe es noch nie bereut", sagt Wagner und gesteht zugleich, dass er sich schon manchmal frage: "Schaffe ich das? Ist das was für mich? Dann gibt es so Momente der Krise." Wagner hält inne, denkt nach, um dann zu lächeln. "Bis jetzt sind sie aber immer sehr positiv ausgegangen." Im Übrigen sei man "im Priesterseminar auch noch nicht festgenagelt. Das ist eine Entscheidung, wie wenn man in eine Beziehung geht, aber bis zur Ehe dauert es noch einmal – und auch bis zur Weihe sind es einige Jahre."

Das Gespräch wird vorerst unterbrochen, Hohenberger und Wagner eilen zur Dogmatik-Vorlesung (Thema ist "Die Erhabenheit Mariens"). Anschließend geht es über den Hof der Hochschule in die angrenzende Kapelle, zur Sext, dem Mittagsgebet. Beim gemeinsamen Essen der Priesterseminaristen im Refektorium wird klar, warum die Ausbildungsstätte in Heiligenkreuz boomt. Die Berufenen hier kommen aus allen Teilen der Erde: An einem Tisch speisen junge und ältere Herren aus Indien, Nigeria und Vietnam zusammen. "Zur Zeit sind wir 32 Seminaristen, für Herbst sind über 40 angemeldet", bestätigt Hohenberger beim Essen. Doch nicht alle diese Seminaristen bleiben nach der Weihe auch in Österreich.

Die Zahl der Priester geht zurück

Wie ist es also um den Priesterstand in Österreich bestellt? Angela Ringhofer von der Presseabteilung der Erzdiözese Wien hat auf KURIER-Anfrage einige Datensätze bereitgestellt. 2165 Diözesanpriester zählte die Katholische Kirche in Österreich im Jahr 2015. Im Jahr davor waren es 2186, also kaum eine Veränderung. Betrachtet man die vergangene Dekade, ergibt sich aber ein eindeutiger Trend: 2005 führte die Statistik nämlich noch 2407 Diözesanpriester. Innerhalb von zehn Jahren sank die Zahl also um zehn Prozent (siehe Grafik).

In der Erzdiözese Wien, die den Nordosten Österreichs abdeckt, dürfte eine andere Datenreihe noch mehr Kopfzerbrechen bereiten. Noch Anfang des Jahrtausends (Jahre 2000 – 2004) fanden pro Jahr durchschnittlich 22 Priesterweihen statt. In den jüngsten fünf Jahren (2012 – 2016) waren es im Durchschnitt nur mehr 14,8 Weihen. Also um ein Drittel weniger.

"In Österreich sind die Berufungen sehr zurückgegangen“, merkt Hohenberger an, der für seine Heimatdiözese Gurk-Klagenfurt in Heiligenkreuz studiert. "In Graz haben wir einen Altersdurchschnitt von 40 Jahren. Warum der liebe Gott jetzt hauptsächlich ältere Männer für den Priesterberuf erwählt, kann ich auch nicht sagen."

Zölibat mache "frei von sexuellen Gedanken"

Ein Grund für den Priestermangel sei die vorgeschriebene Ehelosigkeit, dieses Argument hört man in der Debatte immer wieder. Stimmt das? Am Zölibat zu rütteln, kommt für beide nicht in Frage. Für Wagner ist die Ehelosigkeit zutiefst sinnvoll, eine "Gabe an die Kirche". Wenn sich Männer entscheiden, "ganz für die Gemeinde da zu sein, dann ist das sozusagen meine Braut, sie ist nicht immer bei Tisch, oder im Bett… aber ganz für die Menschen da zu sein und im Dienst aufzugehen, finde ich wunderschön", sagt er.

Apropos Braut. Hohenberger kann in diesem Punkt aus Erfahrung sprechen, er war selbst lange Zeit verheiratet. Standesamtlich, versteht sich. Wäre er auch kirchlich verheiratet gewesen, wäre ihm der Weg ins Priesterseminar versperrt geblieben. Und er bringt noch einen anderen Aspekt ins Spiel: "Wenn ich dann frei bin von sexuellen Gedanken, oder gewissen Vorstellungen, die man so im Leben hat, kann man anderen Menschen ganz anders begegnen." Er sehe den Zölibat als Geschenk und freue sich darauf.

Sexualität hat der Kärntner in seiner früheren Ehe erlebt, vermisst er sie? "Nein, die Liebe Christi ist größer, übersteigt alles. Das kann man mit Sexualität nicht vergleichen." Wagner sieht das noch ein wenig anders. Es sei eine Herausforderung, ein klarer Verzicht, wie er sagt, aber: "Es geht mir wirklich gut."

Vereinsamen wollen beide aber nicht.

"Hoffe, dass ich auf Pfarrhof nicht vereinsame"

Hohenberger hofft, später als Priester Gemeinschaft erleben zu können, "dass ich nicht vereinsame auf einem Pfarrhof, wie es oft der Fall ist mit einsamen Priestern". Auch Wagner fürchtet, "später einmal in einer Pfarre als Einzelkämpfer dazustehen. Man hält dort die Stellung, hat einen fixen Wochenablauf, viele Verpflichtungen." Ihm wird "der Verzicht auf Freiheit, irgendwie unterwegs zu sein" am schwersten fallen, vermutet er. Aber es sei ja nicht nur eine Form des Gehorsams, dass man später in der Pfarre bleibe, fügt Wagner lachend hinzu: "Es ist eine Form der Liebe – man macht’s ja freiwillig!"

Als berufliche Alternative hätte sich Wagner einen technischen Beruf vorstellen können, "vielleicht im Vertrieb weltweit unterwegs zu sein, nachher irgendwo sesshaft werden und Familie gründen." Hohenberger kennt im Gegensatz zu Wagner das profane Berufsleben bestens, er war 31 Jahre lang Lokomotivführer und ist "alle Züge gefahren - vom Schnellzug bis zum Güterzug. Eine sehr schöne Zeit mit Verantwortung, die ich nicht missen möchte." Wegen gesundheitlicher Probleme konnte er den Beruf nicht mehr ausüben, die Pensionierung folgte.

Nun hat er konkrete Vorstellungen, wie er in seinem zweiten Berufsweg erneut Verantwortung übernehmen könnte, am liebsten als Pfarrer in Kärnten. "Den Menschen in ihren seelischen Nöten, bei dramatischen Erlebnissen in der Familie, beistehen“, sei dem 58-Jährigen ein Anliegen. Etwa bei Sterbefällen "zu helfen, zu begleiten".

Wagners Zugang ist anders. Abstrakter, theologischer. "Die Leute kommen deshalb zum Priester, weil sie Fragen an Jesus haben." Er möchte später für Menschen da sein, die Jesus suchen.

Nur, gibt es sie überhaupt, die Gläubigen? Wo sind sie geblieben?

Zukunft: Immer weniger Kirchgänger – was tun?

Fakt ist, dass immer weniger Katholiken am Gottesdienst teilnehmen. Im Jahr 2003 besuchten durchschnittlich 869.000 Gläubige in Österreich die Sonntagsmesse. Die Zahl sank in den Folgejahren kontinuierlich, 2015 waren es nur mehr 587.000 Besucher – und damit exakt um ein Drittel weniger als zwölf Jahre zuvor (siehe Grafik).

"Die Kirche wird – wenn es gut kommt – oft nur als karitativer Verein wahrgenommen. Die zentralen Fragen, zum Kern des Glaubens, wo Gott im Mittelpunkt steht, sind nach außen gerückt", sagt Wagner. „Dann ist es für Jugendliche irrsinnig schwierig, Zugang zu finden." Und ohne "Gleichaltrige, die den Glauben als etwas Schönes erleben“, sei es besonders schwierig. Ein Teufelskreis. Für Wagner ist jedenfalls klar: "Die Tür im Pfarrhof ist offen, jeder ist willkommen." Er würde gerne Hausbesuche machen, Glaube wachse durch Begegnung, so sein Credo.

"Wir kommen in eine neue Zeitepoche", analysiert Hohenberger, "die Kirche ist herausgefordert, sich in einem gewissen Maße anzupassen. Aber das passiert, es wird daran gearbeitet“, ist er überzeugt.

Und was machen Männer des Geistes eigentlich abseits des Studiums? Die Hochschule ist, wie ein Rundgang zeigt, nicht nur mit einer modernen Bibliothek, sondern auch mit einem Kraftraum, einem Billard- und einem Tischtennis ausgestattet. Wagner schmunzelt: "Das schönste für mich sind die Grillabende im Garten des Priesterseminars. Da machen wir ein großes Feuer und schmeißen das Fleisch drauf und trinken ein gutes Bier am Abend." Ganz fern liegen die weltlichen Genüsse hier mitten im Wienerwald dann ja doch nicht.

Info

Am Samstag, den 29. April 2017, findet an der Hochschule Heiligenkreuz ein Tag der offenen Tür statt.