Atomexperte zu Tschernobyl: "Die Strahlenbelastung heute beträgt weniger als ein Prozent"

Am Sonntag jährt sich die AKW-Katastrophe.
Der Sarkophag über dem zerstörten Reaktor von Tschernobyl.

40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wird in Österreich weiter über Risiken, Folgen und die Zukunft der Atomkraft diskutiert. In der ZiB2 war dazu Bernd Steinhauser, Professor für Nukleartechnik und Strahlenphysik, zu Gast.

Steinhauser erinnerte daran, dass die Strahlenbelastung hierzulande geringer ausgefallen sei als oft angenommen. "Es hat in ganz Österreich niemand den zulässigen Dosishöchstwert von einem Millisievert überschritten", sagte er. In Wien sei die Belastung besonders niedrig gewesen, weil es nicht geregnet habe. 

Geringe Belastung heute

Zu Studien, die tausende zusätzliche Krebsfälle berechnen, zeigte sich Steinhauser skeptisch. Diese beruhten auf einem statistischen Modell. Solche Effekte seien "sehr hypothetische Fälle, die statistisch niemals aufgefallen wären". Heute liege die zusätzliche Belastung durch Tschernobyl "bei weniger als ein Prozent der natürlichen Strahlenbelastung".

Auch vor dem Verzehr belasteter Lebensmittel warnte er nicht: "Selbstverständlich" könne man Eierschwammerl aus dem Salzkammergut essen. Unterschiede durch einen Wohnortwechsel innerhalb Österreichs seien größer als der Effekt von Tschernobyl.

Sperrzone und Sicherheit

Steinhauser war selbst mehrfach in der Sperrzone. "Der Flug dorthin macht mir eine größere Dosis als mein Aufenthalt dort", sagte er. Mit einfacher Schutzausrüstung sei ein kurzfristiger Aufenthalt unproblematisch. Dauerhaft dort leben wolle er aber nicht.

Grundsätzlich verteidigte Steinhauser die Atomkraft. "Die Kernenergie, wie sie heute betrieben wird, ist unfassbar sicher." Der Reaktor von Tschernobyl sei mit heutigen Anlagen nicht vergleichbar. Der Unfall sei das Ergebnis eines politisch verantworteten Experiments gewesen: "Das ist in erster Linie ein politischer Skandal."

Endlager und neue Reaktoren

Beim Atommüll verwies Steinhauser auf Finnland. "In wenigen Monaten wird das erste Endlager der Welt in Honkalo in Finnland in Betrieb gehen." Das Tiefenlager sei sicherer als dauerhafte Zwischenlager. Auch neue Kleinreaktoren sieht er positiv, allerdings nicht überstürzt: "Überhastet möchte ich das auch nicht sehen."

Für Österreich hält er Atomkraft dennoch für unrealistisch. "Ich sehe auch keinen Willen in der Bevölkerung." Die fehlende Akzeptanz sei "ein sehr legitimes Argument" in einer Demokratie.

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