Experten über Geburtendefizit: "Wollen wir Kinder durch Zuwanderung ausgleichen?"
Noch nie gab es durchschnittlich so wenige Kinder pro Frau in Österreich wie im vergangenen Jahr. Das zeigte die erst am Mittwoch veröffentlichte Geburtenbilanz 2025 der Statistik Austria. Insgesamt wurden 75.718 Kinder lebend geboren, im Schnitt 1,29 pro Frau. Ein historisches Tief. Die Geburtenrate sinkt hierzulande kontinuierlich, wie auch in ganz Europa.
Am Donnerstag-Abend waren dazu Elisabeth Ponocny-Seliger, Psychologin an der Sigmund-Freud-Universität und Rainer Münz, Bevölkerungswissenschafter zu Gast in der ZiB2.
Ponocny-Seliger betonte eingangs: "Ich finde es ja eigentlich großartig, dass heute junge Frauen selbstständig entscheiden können, wann sie Kinder bekommen, wie viele Kinder sie bekommen und ob sie Kinder bekommen." Das sei ein Zeichen von Wohlstand und Aufgeklärtheit.
Karriere, Partnerschaft, Absicherung
Viele Frauen planten sehr bewusst. Häufig gehe es darum, "zunächst die Ausbildung abschließen, zunächst im Beruf Fuß fassen, sich auch finanziell absichern". Dahinter stehe auch die Sorge, im Fall einer Trennung allein mit dem Kind dazustehen. Ein weiterer Faktor sei die ungleiche Aufteilung der Betreuungsarbeit: "Wir haben nach wie vor ein Thema natürlich mit der Beteiligung von Vätern bei der Erziehung."
Geburtenrate in Österreich weiter rückläufig
Münz verwies auf ökonomische Überlegungen: Gut ausgebildete Frauen hätten bessere Jobchancen, zugleich sei der Einkommensverzicht durch Kinder groß. Familienleistungen könnten die langfristigen Einbußen bei Gehalt und Pension nicht ausgleichen.
Geld ist nicht alles
Auch hohe finanzielle Anreize, etwa in Ungarn, hätten nur begrenzte Effekte. Münz sagte: "Der Lohn, auf den ich verzichte, heute und in der Zukunft und auch die Pension, auf die ich möglicherweise zum Teil verzichte, ist ein Vielfaches von dem, was die Familienförderung ausmacht."
Aber, so Münz weiter: "Man kann sich allerdings fragen, ob wir eine Gesellschaft haben wollen, wo Menschen nur dafür bezahlt werden, in großem Umfang Kinder zu bekommen, wie man das finanzieren könnte und wer dann die Arbeit macht."
Migration und Sicherheit
Eine große Rolle spielt bei der Geburtenbilanz auch die Migration. Fast jede vierte Geburt in Österreich betrifft ein Kind ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Laut Münz werde sich das fortsetzen: "Dieser Trend wird sich wahrscheinlich nicht ändern." Langfristig gehe es darum, mit weniger Kindern umzugehen – etwa durch bessere Ausbildung und Qualifikation.
Hier stelle sich die Frage, "ob wir in der Zukunft die Kinder, die wir selber nicht bekommen haben, durch Zuwanderung ausgleichen wollen oder ob wir zum Beispiel länger arbeiten wollen." Dazu gehe es auch darum, wie man die Kinder, wenn sie weniger werden, besser ausbilden und qualifizieren könne. Denn, so Münz: "Je weniger Kinder es gibt, umso wertvoller sind sie. Natürlich auch als Arbeitskräfte."
Ponocny-Seliger nannte zusätzlich das Sicherheitsgefühl als zentral: "Fühle ich mich sicher genug, in diese Welt jetzt gerade Kinder hinein zu gebären?" Dabei gehe es auch um die finanzielle Sicherheit: "Kann ich mir das größere Auto leisten? Das Phantasma des Hauses im Grünen, wo das Kind im Garten spielt." Junge Paare bräuchten Stabilität, um sich auf das "Wagnis Kinder" einzulassen.
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