Chronik | Österreich
26.10.2014

"In Österreich bin i dahoam"

Zum Nationalfeiertag erzählen fünf "neue" Österreicher, warum sie hier gerne leben.

Was unterscheidet einen "waschechten" Österreicher von einem "Zuagroastn" am Nationalfeiertag? Der waschechte ist mit ziemlicher Sicherheit verärgert, dass der 26.Oktober dieses Jahr auf einen Sonntag fällt und somit keinen zusätzlichen freien Arbeitstag bringt. Mehr verbindet er damit wahrscheinlich nicht. Welche Geschichte dahintersteckt, wissen immer weniger. Zuletzt waren es laut einer Imas-Umfrage nur 44 Prozent. 14 Prozent ist es gänzlich unbekannt.

Die neuen Österreicher wissen höchstwahrscheinlich auch nicht näher Bescheid über die Historie dieses besonderen Tages (Anm. d. Redaktion: Es endete die Besatzung der vier Siegermächte. Am 26. Oktober 1955 wurde die immerwährende Neutralität in der Verfassung festgeschrieben. ), aber zumindest verbinden viele mit dem 26. Oktober ein positives Lebensgefühl. So wie jene fünf Neo-Österreicher, die im KURIER über ihre neue Heimat Österreich sprechen, und die aus diesem Grund auch für die Initiative von Außenminister Sebastian Kurz als Integrationsbotschafter unterwegs sind.

Statt Dauergesudere wie bei vielen gebürtigen Österreichern üblich, herrscht ein Gefühl der Dankbarkeit. Was für den Österreicher selbstverständlich ist – ja, was er schon fast gar nicht mehr registriert – macht das Leben der neuen Österreicher hierzulande erst aus. Bildung, das Gesundheitssystem, die demokratische Sicherheit.

Die 19-jährige Elnara Zülfüqarova aus Aserbaidschan bringt es auf den Punkt: "Es gibt kein Leben ohne Probleme. Aber wir müssen dankbar sein, in einem Land mit solchen Möglichkeiten leben zu dürfen. Das vergessen in Österreich oft viele. Mir geht es in Österreich sehr, sehr gut. Dafür bin ich dankbar." Der Trend, dass sich immer mehr Zuwanderer in Österreich zugehörig fühlen, lässt sich auch mit Zahlen untermauern. 2013 lebten rund 1,625 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich (das entspricht 19,4 Prozent der Gesamtbevölkerung). Darunter gehören rund 1,197 Millionen der "ersten Generation" an, da sie selbst im Ausland geboren wurden und nach Österreich zugezogen sind. Die verbleibenden knapp 428.000 Personen sind in Österreich geborene Nachkommen von Eltern mit ausländischem Geburtsort ("zweite Generation"). 2010 fühlten sich 56 Prozent der Zuwanderer eher Österreich als ihrem jeweiligen Herkunftsland zugehörig. 2014 waren es bereits 70 Prozent.

Auch Chian Tyan Yang, die als Teenager aus Taiwan nach Graz kam, fühlt sich als vollwertige Österreicherin. Der Tag, an dem sie die Staatsbürgerschaft erhielt, war ein wichtiger Einschnitt: "Ich fühlte mich respektiert, und ich wollte dem Land, wo ich gratis Musik studieren konnte, etwas zurückgeben."

Ich fühle mich als ganze Wienerin

Es war die Liebe, die die gebürtige Philippinin nach Österreich brachte. Seit 38 Jahren lebt sie in Wien. Wenn man Maria Lourdes Reininger-Soto fragt, was sie an Österreich schätzt, dann klingen ihre Antworten wie ein Text aus einer Werbebroschüre: "Vieles, sonst wäre ich nicht hiergeblieben. Das Land ist unglaublich schön, auch wenn das kitschig klingt. Aber es gibt kaum ein Land mit einer höheren Lebensqualität. Ich fühle mich als ganze Wienerin und bin hier zu Hause", schwärmt sie. Und meint weiter: "Das kulturelle Angebot und das Gesundheitssystem sind unvergleichbar. Ich habe selten so eine saubere Stadt erlebt."

Das Einzige, das sie bereut, ist, dass sie durch ihren Job relativ lange brauchte, bis sie die Sprache gut beherrschte. "Das hat leider zehn Jahre gedauert. Ich fuhr 1976 in der Straßenbahn. Damals saßen zwei Frauen hinter mir, die meinten, sie wussten gar nicht, dass jetzt schon Chinesen in Wien leben. Ich verstand, was sie sagten, aber ich konnte es nicht richtigstellen. Damals schwor ich mir: Eines Tages werde ich es können."

Wurde in Österreich herzlich empfangen

"Ich bin weit und breit der einzige Schwarze im Waldviertel." Wenn Salfo Nikiema (26) seinen Job in der Raiffeisen Bank Horn verlässt, dann kennt ihn jeder und grüßt ihn herzlich. Vor 12 Jahren kam er aus Burkina Faso. Damals war er 14 Jahre alt. Ein Ärzteteam holte ihn für eine Operation nach Österreich. Sein Lehrer in der Koranschule hatte ihn schwer misshandelt. "Er gab mir eine Aufgabe, und ich schaffte sie nicht in der von ihm vorgegeben Zeit. Dann bestrafte er mich."

Die Familie Gudenus (sie ist nicht mit dem FPÖ-Politiker verwandt) nahm Salfo auf. Aus einem Stopp auf Zeit wurde ein Daueraufenthalt. "Meine Waldviertler Familie hat vier Kinder. Mit meinem neuen Bruder Ferdinand verstand ich mich besonders gut. Er fragte seine Eltern, ob ich nicht für immer bleiben kann. Sie stimmten zu", erzählt Salfo.

Im breiten Waldviertlerisch schwärmt er von seiner Tätigkeit bei der Freiwilligen Feuerwehr. Er fühlt sich als Österreicher und Afrikaner. "Ich habe zwei Heimatländer und zwei Familien. Wenn man versucht, sich anzupassen, dann nehmen dich die Menschen hier herzlich auf."

Dankbar für alles, was mir Österreich bietet

Manchmal ist die 19-jährige Elnara Zülfüqarova auf ihren zweijährigen Bruder eifersüchtig. "Weil er hier geboren ist und ein echter Österreicher ist. Aber gleichzeitig bin ich glücklich, dass er nie solche Angst haben muss wie ich in Aserbaidschan."

Die Familie Zülfüqarova war in ihrer Heimat massiven Bedrohungen durch die Diktatur ausgesetzt. "Ich wurde sogar entführt. Uns blieb nichts anderes übrig, als zu flüchten. Wäre ich heute nicht in Österreich, wäre ich sicher schon tot", erzählt die HAK-Schülerin. Neben der Schule jobbt sie noch als Zahnarzt-Assistentin. Nebenbei hat sie ihr Leben, ihre Odyssee rund um ihre Flucht, in dem Buch "Wo komm ich her, wo gehör ich hin" niedergeschrieben, das auch bald erscheinen soll. "Das Buch war eine Art Therapie für mich. Denn was ich in Aserbaidschan erlebt habe, habe ich noch nicht verdaut." Was für Österreicher selbstverständlich ist, empfindet Elnara als größtes Glück. "Ich kann zur Schule gehen, habe keine Angst um meine Eltern, kann meine Meinung äußern. In Österreich bin i dahoam. Mir geht es hier sehr, sehr gut", schwärmt sie.

Das konstante Leben hier ist ein Glück

Als seine Eltern 1972 von Ankara nach Österreich auswanderten, haben sie nicht geahnt, dass sie den Rest ihres Lebens in diesem Land verbringen werden. Metin Akyürek (38)kam in Vöcklabruck zur Welt, sprach bis zu seinem vierten Lebensjahr eigentlich nur Türkisch. "Damals waren die Türken willkommener als heute. Weil es weniger gab ", analysiert er.

Heute ist Akyürek ein erfolgreicher Anwalt. In der Türkei zu leben, könnte er sich nicht vorstellen. "Das konstante Leben, das wir hier haben, erscheint langweilig, ist ein Glück."

Natürlich war der Anwalt immer wieder mit Ausländerfeindlichkeit in der Schule konfrontiert. "Aber es störte mich weniger, wenn einer bei einer Rangelei ,Scheiß Türke‘ am Schulhof sagte, als wenn mir jemand das Gefühl gab, in Österreich fremd zu sein." Das Wichtigste für die Integration ist die Unvoreingenommenheit gegenüber der anderen Kultur. "Denn Nichtwissen macht Angst, das gilt aber für beide Seiten." Und er richtet folgende Botschaft an die Migranten: "Wer sich für die andere Kultur nicht interessiert, wird sich nicht assimilieren."

Hatte das Gefühl, anerkannt zu sein

Sie lebt schon so lange in Graz, dass sie mittlerweile besser auf Steirisch fluchen kann als auf Mandarin. Chian-Tyan Yang (35) war 13, als sie für das Musikstudium von Taiwan nach Österreich übersiedelte. "Bei meiner Abreise heulte ich Rotz und Wasser", erzählt sie. Das Heimweh war groß, der Anfang schwer. An der Grazer Schule wurde sie oft gehänselt, auch wenn sie anfangs kein Wort verstand. "Aber du spürst es." Als sie Deutsch beherrschte, wurden die, die sie gehänselt hatten, zu ihren besten Freunden.

Die ersten zehn Jahre fragte sie sich oft: Wohin gehöre ich eigentlich? "Ich fühlte mich oft orientierungslos." Das änderte sich, als Chian-Tyan Yang die Staatsbürgerschaft erhielt. "Das war ein Einschnitt. Ich legte ein Gelöbnis ab und hatte das Gefühl, anerkannt zu werden." Österreicherin zu werden, war der Pianistin ein Anliegen. "Ich wollte dem Land, wo ich gratis Musik studieren konnte, etwas zurückgegeben." Seit zwei Jahren ist sie mit einem Grazer verheiratet. Ihr größtes Hobby ist ihr kleines Weingut. "Ich bin die einzige asiatische Winzerin", lacht sie stolz.

"Abgespecktes" Heer begeisterte trotzdem

Tradition bleibt Tradition – deshalb mutete die Heeresschau am Wiener Heldenplatz, auch im Jahr der massiven Einsparungen, auf den ersten Blick an wie immer. Schon am Samstagvormittag zog es viele Besucher in die Wiener Innenstadt. Dort wurden dann Panzer und Hubschrauber von außen und innen inspiziert.

Spezialeinheiten stellten mitten auf dem Platz eine Szene nach, in der ein Terrorist in einem Haus verschanzt war. Schüsse und ein Sprengsatz lockten den Täter dann aus seinem Verschlag – alles mithilfe von Platzpatronen, versteht sich. Bei den Besuchern hinterließ das Spektakel einen bleibenden Eindruck: "Man kennt das ja nur aus amerikanischen Fernsehsendungen. Dass auch unsere Burschen so etwas können, ist spannend zu sehen", erzählte Besucher Martin G., der unzählige Fotos schoss.

Nette Menschen

Dennoch merkten die Soldaten bei der heurigen Schau, dass die "Sparschiene" der Regierung in den Köpfen der Besucher ein großes Thema ist. "Man wird natürlich oft gefragt, was wir über die Situation denken und wie es sich im tatsächlichen Alltag auswirkt", erklärte Presseoffizier Fritz Tuma dem KURIER gegenüber. Aber genau deshalb sei man hier und für alle Fragen offen. Außerdem sei es gerade jetzt wichtig, dass die Bevölkerung sieht, wie wichtig das Bundesheer für Österreich ist. "Jeder kann hier mit den Leuten aus der Truppe sprechen. Das sind normale nette Menschen, die gerne erzählen, wie die der Dienst beim Heer ist", sagt Tuma.

Wenig Wiener Zuspruch

Die Überzeugungsarbeit über die Wichtigkeit des Bundesheeres ist laut Tuma vor allem in der Bundeshauptstadt wichtig. Auch wenn der Grund dafür vielleicht nicht gleich ersichtlich ist, ist er doch denkbar logisch: "Die Bevölkerung am Land hat mehr Bezug zu uns, weil wir einfach präsenter sind. Bei den vielen Hochwassereinsätzen in den Bundesländern haben uns die Menschen dort aktiv erlebt, wie wir im Katastrophenschutz geholfen haben", sagt Tuma. Weil in Wien aber ein weitaus besseres Netz aus Berufsorganisationen besteht, seien sich die Hauptstädter nicht so bewusst, wie unerlässlich das Bundesheer im Katastrophenschutz ist.

Um das Bild aufzupolieren wird nun bis Sonntagabend alles aufgefahren, was das Heer hergibt. Am Sonntag werden gegen 10.30 Uhr 900 Rekruten im Beisein von Bundespräsident Heinz Fischer angelobt. Die Heeresschau geht bis zum Abend.