Der Feind auf der anderen Stiege
Kennen Sie Ihre Nachbarn? Mögen Sie Ihre Nachbarn?
In Wien wohnen die meisten Menschen in Mehrparteienhäusern. Eine unfreiwillige Zwangsgemeinschaft, die beides sein kann: Freud und eben leider mit so manchen jahrelanges Leid.
Eine Hausgemeinschaft kann etwas Schönes sein. Man teilt sich Lift und Hof. Man borgt einander Milch und Eier – ohne sie je zurückzuerwarten. Man grüßt und hilft einander. Anders als am Land, wo Gerüchten von Nicht-Wienern zufolge ein Nachbarschaftsidyll herrschen soll, ist in Wien eine gute Bekanntschaft unter Zufallsnachbarinnen und -nachbarn eine Seltenheit, eine Ausnahme, ein Glücksfall.
In großen Wohnhäusern, in denen 40 bis 100 Parteien wohnen, zählt es schon als Nachbarschaftsleistung, die Namen zu kennen. Noch mehr verlangt es ab, sich nicht so lange hinter der Wohnungstür zu verstecken, bis die Nachbarn den Gang verlassen haben. Es gilt das Prinzip der Anonymität in der Masse. Das einzige Gemeinschaftliche ist die Anschrift – und das ist bei so manchen schon der erste Fehler. Denn diese haben sich durch eine absonderliche Windung in ihrem Charakter oder Leben dazu entschieden, die Rolle der bösen Nachbarin oder des bösen Nachbarn einzunehmen. In Kindermärchen würden sie den dunklen Magier, den Bösewicht oder die böse Hexe verkörpern, die es zum Ziel hat, die Welt der Kinder zu zerstören. In der Wiener Realität sind es jene, die nicht grüßen, bösartige Briefchen hinterlassen und einem das Haustor vor der Nase zuknallen. Eben jene, die das schöne Gefühl Zuhause trüben und zeigen wollen, man sei hier unerwünscht.
Aber muss das so sein?
Bei diesen anlasslosen Feinden im eigenen Haus hilft kein Feenstaub. Es bleiben zwei Möglichkeiten: Krieg und ebenfalls bösartige Nachrichten in Versalien auf geblümtem Briefpapier hinterlassen. Oder einseitiger Frieden. „Bekämpfe es mit Freundlichkeit“, heißt es hippiesk. Einen Versuch wäre es wert. Und mit der bösen Hexe sollte man vielleicht einfach Mitleid haben.
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