Wiener G'schichten: Bitte nicht stören im Rausch
Die Vöglein zwitschern, ein paar übrig gebliebene Bienen summen und ein lauer Wind umspielt wohlig die Ohrläppchen. Auf einer Parkbank fröne ich meinem Rausch und tauche tiefer und tiefer in den Stoff. Meine Augäpfel picken an den Seiten, die Wörter fliegen nur so vorbei. Ich erfahre gerade live, was Kafka schon so treffend beschrieb: Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Und was für ein gewaltiges Meer sich in mir aufgetan hat, hier im Tigerpark sitzend.
Gerade als sich das Blatt meiner Protagonistin zu wenden droht, vernehme ich von rechts ein Störsignal, das so gar nicht in meine Welt passt. „Weißt’, ich will schon einen Typ, der auch fit ist. Wenn ich mit dem trainier’, schwitz’ ich bei der Übung nicht mal und er liegt schon fertig am Boden. Find’ ich ur nicht sexy“, empört sich eine penetrante Stimme neben mir. Mein Blick schweift ab, wer sagt so was? ... Aber jetzt Konzentration und zurück zu meiner Protagonistin in der Schlangengrube, sage ich mir. Dort spielt sich Sagenhaftes ab bis… „Und weißt’, dann sagt er zu mir ’Baby, sei nicht so’. Aber ich sag zu ihm vorher schon, dass er nicht so sein soll, wenn’s ums Putzen geht“.
Ruhe bitte!
In mir beginnt es zu brodeln. Ich lese denselben Satz immer und immer wieder, aber die Wörter ergeben keinen Sinn mehr. Plötzlich verwandeln sich die lauten Personen neben mir gedanklich zu Feinden, ganz wie im Buch. Genervt versuche ich an einen ruhigeren Ort zu flüchten. Aber alle anderen Bänke sind besetzt und das Gras ist nass. Die nächste Runde dringt von der Seite her an mein Ohr: „Hahaha, da würd’ er schauen, wennst’ ihm die Milch mit Sojamilch austauschst“. Als Antwort darauf schnaufe ich laut und schaue meine Bank-Nachbarn vorwurfsvoll an. Das kann’s ja nicht sein, dass man so laut redet! Ich trete den Rückzug in die dunkle Wohnung an und überlege eine Lösung für dieses Problem. Mein Vorschlag an die Stadt Wien: Designierte Lesezonen in den Parks. Wie wär’s?
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