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Millionenabzocke
07/09/2013

Betrugsverdacht bei Fahrschulen

Rund 4000 meist junge Menschen wurden um ihre komplette Kursgebühr geprellt.

von Dominik Schreiber

Die mutmaßlichen Betrüger ließen praktisch nichts zurück: Zwei Luxus-Geländewagen, das Bargeld aus dem Tresor und alle Unterlagen sind weg. Sogar das Münzgeld aus dem Cola-Automaten sowie eine Mikrowelle nahmen der Geschäftsführer und seine Sekretärin mit.

Hunderte Fahrschüler in Wien dürften in der Fahrschule Europa in Wien-Landstraße um ihr Kursgeld gebracht worden sein. Der Schaden soll in die Hunderttausende Euro gehen. „Wir ermitteln gegen drei Personen wegen Betrugs“, bestätigt Polizeisprecher Thomas Kaiblinger einen KURIER-Bericht vom Dienstag (siehe unten).

Das Skandalöse: Geschäftsführer Milan R. soll auch der Hintermann eines fast identen Falles aus dem Jahr 2010 sein, als bei einer Fahrschule in Wien-Kaisermühlen 800 junge Menschen um ihr Geld gebracht worden sind. Möglich machen das verschachtelte Konstruktionen bei den Eigentümern. Inhaber Josef Gabriel könnte nur Strohmann gewesen sein.

„Die Eigentümerstrukturen sind im Fahrschulwesen kaum mehr nachvollziehbar“, kritisiert der oberösterreichische Arbeiterkammerpräsident Johann Kalliauer. In seinem Bundesland gab es in den vergangenen Monaten ähnlich gelagerte Fälle: Zwei Fahrschulen prellten nach Insolvenzen rund 2500 Führerscheinneulinge um ihr Geld. In einem Fall beträgt der Schaden 550.000 Euro, beim zweiten 2,35 Millionen. Dass die Betroffenen ihr Geld je wiedersehen, ist laut Kreditschutzverband „wenig wahrscheinlich“. Allein bei dem größeren Fall gibt es 1850 Geschädigte.

Die Vorgehensweise ist immer ähnlich: Meist werden Ausbildungen um günstige 600 bis 700 Euro angeboten, als Zusatzzuckerl sind Luxusfahrzeuge im Angebot. DieFahrschule Europa etwa bot einen Hummer, einen BMW X6 und mehrere Mercedes als Fahrschulautos an. Insider meinen, dass derartige Kalkulationen praktisch nicht durchzuhalten sind. Gabriel erklärt gegenüber dem KURIER, dass sehr viele Kunden nötig gewesen wären, um profitabel zu arbeiten. Gabriel ist einer der drei Verdächtigen, sieht sich selbst aber als Opfer der beiden Flüchtigen: „Es ist wahnsinnig belastend für mich, ich kann nicht schlafen“. Es fehlen Rechnungen. „Ich selbst kann den Schaden noch nicht abschätzen.“

„Absolute Frechheit“

„Das ist eine absolute Frechheit“, meint Herbert Wiedermann, Vorsitzender des Fachverbandes Fahrschulen in der Wirtschaftskammer. Er sieht Verkehrsministerin Doris Bures gefordert. Seit Jahren gebe es bereits Gespräche im Verkehrsministerium über eine Neuordnung der Fahrschulen, aber geschehen sei bisher nichts. Dabei gebe es verschiedene Lösungen, meint Wiedermann: „Es könnte jeder Fahrschüler zehn Euro einzahlen, und das wäre dann eine Art Versicherung, wenn eine Schule pleitegeht. Oder jeder Fahrschulbesitzer müsste 50.000 bis 100.000 Euro zuvor als Sicherheitsleistung hinterlassen.“ Problematisch ist dabei, dass die Kurse immer im Vorhinein bezahlt werden. Auf jeden Fall aber müsse es „saubere“ Eigentumsverhältnisse geben.

Im Ministerbüro von Doris Bures hieß es dazu nur, dass es derzeit keine „gesetzlichen Überlegungen“ in dieser Sache gibt. Eine freiwillige Versicherung der Kammer würde man begrüßen.

VKI schaltete sich ein

Nach dem KURIER-Bericht über die Fahrschul-Abzocke gehen nun laufend Anzeigen ein, berichtet Polizeisprecher Thomas Keiblinger: "27 Personen sind bereits protokolliert". Da die Fahrschule im Bezirk Landstraße auch nach der Zurücklegung der Fahrschulbewilligung am 5. Juli weitere Schüler aufgenommen hat, wird wegen gewerbsmäßigen Betrugs ermittelt. Der Inhaber wurde am Dienstag einvernommen.

Gegen zwei weitere, namentlich bekannte Personen wird ebenfalls ermittelt. Opfer haben sich laut Keiblinger bisher aus ganz Wien gemeldet. Jene Personen, die vor der Zurücklegung der Lizenz Kunden der Fahrschule in der Markhofgasse wurden, werden von der Polizei zudem auf die zivilrechtliche Möglichkeiten hingewiesen, um an ihr Geld zu kommen. Nun gilt es die genaue Schadenssumme zu eruieren, so der Polizeisprecher. Ebenso hat sich der Verein für Konsumenteninformation (VKI) eingeschaltet, um Betroffene bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche zu unterstützen - entsprechende Informationen finden sich auf dem VKI-Internetportal.

Fahrschüler, die am Montag den Kurs besuchen wollten, standen laut VKI vor verschlossenen Türen. Die Betroffenen zahlten im Voraus eine Pauschalpreis von 599 Euro für den B-Schein. Ein Preis, bei dem man laut Claudia Wiedermann von der Fahrschulen-Fachvertretung Wien zumindest hellhörig hätte werden sollen, da ein Basispaket ansonsten rund 950 Euro kosten würde.

Mitarbeiter auf der Flucht

Es waren surreale Szenen, die sich am Montag Nachmittag vor einer Fahrschule in Wien-Landstraße abgespielt haben. „Die Fahrschulautos – darunter zwei Luxusfahrzeuge – sind weg, die Mitarbeiter sind auf und davon, Geld und alle Akten haben sie offenbar mitgenommen“, schildert eine Betroffene dem KURIER.

Übrig blieben nur rund 60 Fahrschüler, die vor verschlossenen Türen in der Markhofgasse standen. Die Führerschein-Aspiranten alarmierten daraufhin die Polizei. Die meisten Schüler haben ihre Kurse bereits bezahlt, einige wollten in den großen Ferien die Prüfung absolvieren. Manche vermuten betrügerische Machenschaften.

Der Inhaber, ein Grazer, ist ebenso abgetaucht. „Herr G. hat mit sofortiger Wirkung seine Lizenz zurückgelegt“, verlautet der Anrufbeantworter der Fahrschule lapidar. Auf seinem Mobiltelefon ist er trotz mehrfacher Versuche für den KURIER nicht erreichbar. Die Internet-Homepage ist wegen „Wartungsarbeiten“ seit dem Wochenende ebenfalls nicht mehr anzuwählen.

Für Fahrschul-Insider ist das alles keine große Überraschung: „Hinter dem Lizenznehmer stand der gleiche Hintermann wie in der Fahrschule in Kaisermühlen.“ Bereits im Mai 2010 gab es auf der Donauplatte im 22. Bezirk ähnliche Szenen, auch damals wurde mit äußerst billigen Angeboten gelockt: Für 666 Euro konnte man den Führerschein auf Luxusfahrzeugen wie Hummer oder Ferraris ablegen. Schon Monate zuvor hatten Experten eindringlich gewarnt, diese Kalkulation sei keinesfalls durchzuhalten.

Von einem Tag auf den anderen waren die Hintermänner untergetaucht. Damals blieben 800 Geschädigte übrig, die 400.000 Euro forderten. Diesmal könnte es ähnlich sein.

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