Chronik | Österreich
16.04.2018

Whatsapp-Gruppen für zerstrittene Eltern

© Bild: Kurier/Gerhard Deutsch

Scheidungskinder: Lebensberaterin beschreibt in Buch ihre unkonventionellen Methoden und bewegendsten Fälle

„Auch wenn der Tod im Raum ist, kommt der Humor nicht zu kurz“, sagt Ursula Novak. Und der Tod ist bei Ursula Novak oft im Raum. Der Tod und das Leid von Kindern.

Als diplomierte psychosoziale Lebensberaterin begleitet die 52-Jährige Familien bei Trennung, Scheidung und Tod. Jetzt hat sie ihre bewegendsten Fälle (anonymisiert) in einem Buch niedergeschrieben. Der Bogen spannt sich vom zwölfjährigen Robert, der seinen im Gefängnis sitzenden Vater kennenlernen möchte, bis zu den Brüdern Raphael und Jonas, die nicht wissen, wie sie sich von ihrem sterbenden Vater verabschieden sollen.

Dazwischen gibt es zerstrittene Eltern, die „nur mit der eigenen Befindlichkeit beschäftigt sind“ (Novak) und nicht mehr hören, was die eigenen Kinder eigentlich wollen. Als vom Familiengericht bestellter Kinderbeistand ist Ursula Novak das Sprachrohr solcher Trennungskinder. Dabei greift sie zu unkonventionellen Maßnahmen, die wahrscheinlich in keinem Lehrbuch stehen.

© Bild: Kurier/Gerhard Deutsch

Wachmann

So hat sie zum Beispiel ein gutes Dutzend Whatsapp-Gruppen installiert, in denen sich getrennte Eltern über ihre gemeinsamen Kinder sowie die Besuchs- und Urlaubsregelung austauschen. „Weil ich will nicht, dass mich die Elternteile abwechselnd anrufen und mir sagen, was ich dem jeweils anderen ausrichten soll.“ Ursula Novak liest beim Chatten der Eltern mit – „Ich bin der Wachmann der Gruppe“ – und greift ein, wenn die Hackeln wieder tiefer fliegen.

Ungewöhnlich ist auch das Setting in ihrer Praxis, das die Kinder bestimmen: Sitzen Papa und Mama bei den Beratungsterminen getrennt? Oder nebeneinander? Und das Kind gegenüber, als Beobachter? Oder dazwischen, weil doch trotz Scheidung der Eltern immer noch ein gemeinsames Band vorhanden ist und bleibt? Da macht Ursula Novak dann ein Handyfoto und gibt es der Familie mit, dazu den Rat: „Schaut euch das Foto immer dann an, wenn ihr eine Krise habt.“

Auch das von der siebenjährigen Hanna (über Novaks Anregung) selbst aufgenommene Video, das den zerstrittenen Eltern vor Gericht vorgespielt wurde, ist nicht alltäglich: „Wenn ich wieder zum Reiten gehe, möchte ich, dass Mama und Papa mir zuschauen“, sagt das Mädchen. Und: „Wenn der Richter sich nicht so entscheidet, dass ich bei Mama bleiben darf, dann werde ich wirklich sauer.“ Die Botschaft zeigte Wirkung. „Dass das eigene Kind laut und deutlich aus dem Kastl raus spricht, das hat etwas mit den Eltern gemacht“, sag Novak.

Manchmal spricht sie auch ein Machtwort. „Ihre Kinder sind mit den Nerven am Ende... Sie haben hier und jetzt eine Stunde Zeit, um sich dieser Sachlage zu stellen. Ohne Anwälte, ohne Fluchtmöglichkeit – nur Sie beide. Viel Spaß dabei!“ erklärte sie Eltern, die sich nicht über die Aufteilung der Kinder einigen konnten, und ließ sie in einem Nebenzimmer ihrer Praxis allein. „Ich schloss die Tür und konnte es kaum glauben: Ich hatte geschafft, was sämtliche Anwälte und Richter nicht geschafft hatten. Sie redeten miteinander!“ (Zitat aus dem Buch).

Immer gelingt das freilich nicht. „Manchmal beißt man auf Granit“, sagt Novak. Sie versucht, die Kompetenz der Eltern zu stärken, „denn die sind ja die Experten für ihre Kinder.“ Der Gang zum Gericht ist oft trotzdem nicht zu vermeiden. Dort würde sich Ursula Novak mehr Flexibilität wünschen: „Jeder kocht sein eigenes Süppchen, das System ist so starr. Man muss über den Tellerrand hinaus schauen.“

Ursula Novak: „Dein Blick durchs Schlüsselloch“
Verlag Berger. 260 Seiten. 25,95 Euro.