Chronik | Österreich
13.09.2018

Wasser, marsch!

Wirte servieren immer mehr Leitungswasser. Zahlen wollen die Kunden dafür nicht.

Regelmäßig im Wiener Café Frauenhuber: Eine Kundschaft bestellt einen kleinen Braunen, dazu „ein großes Glas Leitungswasser. Am besten ein halber Liter, bitte.“ Darauf der Kellner, das bringe er gerne, aber: „Der halbe Liter kostet bei uns 1,60 €. Ein kleines Glas servieren wir kostenlos dazu.“ – „Frechheit!“, erwidern die Gäste sehr oft, begnügen sich mit dem Glas und trinken das nicht immer aus.

Es ist eine Diskussion, die in den kommenden Jahren häufiger werden dürfte. Nicht nur, weil im Zuge der EU-weiten Trinkwasser-Richtlinie (siehe rechts) das Thema um kostenlose Bereitstellung von Wasser wieder aufgepoppt ist. Sondern auch, weil die Bestellung von Leitungswasser laut Gastronomen zunimmt.

Warum das so ist? „Es hat einen Mentalitätswechsel gegeben“, meint Wolfgang Binder, Chef des Café Frauenhuber und Obmann der Kaffeehäuser in der Wirtschaftskammer Wien.

Früher gab es das Glas Wasser zum Kaffee – und aus. Heute würden Gäste ein Getränk bestellen und sich danach berechtigt fühlen, nur mehr Wasser zu trinken, meint auch Berndt Querfeld, Chef des Café Landtmann. Vielleicht hätten die Werbeslogans à la „Geiz ist geil“ dazu beigetragen. Sparen sei jedenfalls in Mode – zumindest für die eigene Börse: „Sobald jemand anderer zahlt, etwa bei Veranstaltungen, bestellt kaum jemand Leitungswasser.“

Weil die Leitungswasser-Bestellungen zunehmen, würden laut Wolfgang Binder immer mehr Gastronomen, Geld für einen Krug Wasser verlangen wollen. Viele würden sich aber nicht trauen: „Weil das Thema so unglaublich emotional ist“.

Aufwand

„Kostenloses Wasser muss einfach drin sein“, spricht Gabriele Zgubic, Konsumentenschützerin der Arbeiterkammer Wien aus, was viele Österreicher denken. Wasser rinnt schließlich fast kostenlos aus der Leitung – es kostenlos an die Kunden weiterzugeben sollte selbstverständlich sein, findet Zgubic. So groß könne der Aufwand nicht sein. Das wollen die Gastronomen so nicht stehen lassen: Wasser sei ja nur vermeintlich gratis, meint Binder und zählt auf: Abwasserkosten, Stromverbrauch, Geschirrspüler (10 bis 13 Liter pro Waschgang). Ja, ein Glas falle nicht ins Gewicht. Aber: „Im Jahr 2014 haben wir 10.120 Gläser serviert“, sagt Binder. „Das keinen Aufwand zu nennen, ist eine Geringschätzung des Kellners.“

Auch Berndt Querfeld weist darauf hin, dass Wasser das am häufigsten servierte Produkt sei.

Täglich bringen seine Mitarbeiter 1000 Wassergläser zu Kaffee, Wein und Eisbecher. Für den 0,5 l-Krug verlangt er 2,50 €. Denn: „Wir sind nun einmal kein Getränkehandel.“ Man sei ein Dienstleistungsbetrieb. „Und wie meinte die UNESCO nicht einmal: Die Kaffeehäuser sind ein Ort, ,in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht.’“

Genau hier liege die Krux, meint Tourismus- und Freizeitforscher Peter Zellmann: „Dienstleistung wird nicht als Leistung gesehen. Wir sehen das ja auch immer öfter im Handel oder im Reisebüro. Die Kunden wollen sich gratis beraten lassen und kaufen das Produkt dann lieber günstiger online.“

Dabei sei Zeit die wichtigste Ressource der Dienstleistungsgesellschaft. „Wenn mir jemand Zeit schenkt, kostet das etwas.“