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Chronik Österreich
05/29/2019

Verkehrsexperte Sertic: „Kaum Öffi-Angebot für Pendler“

Davor Sertic, Spartenobmann für Transport und Verkehr, fordert mehr und billigere Park-and-Ride-Plätze.

von Christoph Schwarz

Der breiteren Öffentlichkeit ist er kaum bekannt – hinter den Kulissen ist Davor Sertic aber eine der zentralen Figuren der Wiener Verkehrspolitik: Egal, ob Anrainerparken, Taxistreit oder Fernbusterminal – Sertic hat seine Finger im Spiel.

Der gebürtige Kroate ist Chef eines Logistikunternehmens – der UnitCargo – und als Obmann der Sparte Transport und Verkehr der Wirtschaftskammer Wien ein zentraler Verhandlungspartner der rot-grünen Stadtregierung.

KURIER: In der Stadt stehen viele Großprojekte an, die sich auf den Verkehr auswirken – vom Fernbusterminal bis zum Lobautunnel. Warum wird man das Gefühl nicht los, dass in Wien die Realisierung derartiger Projekte immer ewig dauert?

Davor Sertic: Derartige Verzögerungen sind natürlich ein Standortnachteil für Wien. Die Welt entwickelt sich dynamisch. Wenn Wien weiterhin international konkurrenzfähig sein will, dann müssen diese Projekte rascher umgesetzt werden.

Eines der Projekte ist der neue Fernbusterminal. Die Standortentscheidung ist nach Jahren gefallen. Sie haben auf Umsetzung gedrängt und der Stadt die Hilfe der Wirtschaftskammer angeboten. Hat sich die Stadt schon bei Ihnen gemeldet?

Nein, noch nicht. Aber ich bin mir sicher, die Stadt weiß über unsere Kompetenz Bescheid. Das ist auch meine Forderung: Dass vor allem auch das Wissen der Busunternehmer, die bisher den Busbetrieb in Eigenregie managen, einfließt.

Worauf kommt es bei der Umsetzung des Terminals an?

Ich habe mir Beispiele im Ausland angesehen, die für Wien als Vorbild gelten könnten. Etwa in Schweden. Dort funktioniert ein moderner Busterminal von der Gestaltung her wie ein Flughafen: Mit WLAN mit guten Anschlüssen zu Öffis und Taxis, mit einem Fahrradverleih. Nur wenn diese Anschlüsse und kurze Wege in die Innenstadt gewährleistet sind, wird der Busterminal optimal genutzt. All diese Überlegungen müssen miteinfließen. Und dafür braucht es die Unternehmer.

Sie haben den Anschluss an Öffis und Radverkehr genannt: Gemessen am gesamten Verkehrsaufkommen stagniert der Anteil der Öffi-Nutzer, auch der Anteil des Radverkehrs ist gering. Läuft hier etwas falsch in der Verkehrspolitik der Stadt?

Ich sehe am Beispiel der Pendler, dass es klaren Verbesserungsbedarf gibt. Die Stadt muss den Pendlern die Öffis noch schmackhafter machen. Es gibt immer noch zu wenig Möglichkeiten, das Auto am Stadtrand abzustellen und öffentlich in die Stadt zu fahren. Sowohl bei der West- als auch bei der Südeinfahrt sind die Park-and-Ride-Möglichkeiten begrenzt. Auch finanzielle Anreize könnte die Stadt setzen – ein Beispiel: Ich fände es klug, eine Öffi-Jahreskarte in Kombination mit einem noch günstigeren Park-and-Ride-Platz anzubieten.

Der öffentliche Raum ist begrenzt – der Kampf zwischen unterschiedlichen Verkehrsteilnehmern ist programmiert ...

Daher müssen wir noch mehr auf einen Interessenausgleich setzen. Ich würde mir bei neuen Verkehrsprojekten erwarten, dass nicht nur die Bedürfnisse der Anrainer gehört werden, sondern dass auch die Zulieferer und die örtlichen Unternehmen noch stärker eingebunden werden, bevor Lösungen erarbeitet werden. Die Stadtregierung darf nicht nur die Interessen ihrer eigenen Klientel im Blick haben.

Einer Ihrer Erfolge war die Öffnung der Anrainerparkplätze für den Lieferverkehr. Sie haben zuletzt immer wieder gefordert, die Anrainerparkplätze unter Tags für alle Autofahrer zu öffnen. Wie stehen Ihre Chancen?

Ich fordere weiter die totale Öffnung der Anrainerzonen für alle zwischen 8 und 16 Uhr. Damit das gelingt, müssen wir den Anrainern noch besser vermitteln, dass das Vorteile hat. Etwa für die Umwelt – aber auch für sie selbst. Jeder Anrainer ist in einem anderen Bezirk zugleich als Kunde oder Unternehmer unterwegs – und dort käme ihm die Öffnung während des Tages zugute.

Sie vertreten das Taxi-Gewerbe im Kampf gegen Uber. Sind Sie schon einmal Uber gefahren?

Nein, noch nie.

Aber Taxi?

Ja. Die Taxibranche ist am Limit. Wenn nicht bald etwas passiert, sind viele Taxifahrer in ihrer Existenz bedroht.

Wie kann man das ändern?

Die Novelle des Gelegenheitsverkehrsgesetzes – und damit die Gleichstellung von Taxis und Uber – muss trotz Übergangsregierung umgesetzt werden, damit endlich Fairness auf den Straßen herrscht.