Chronik | Österreich
08.08.2018

Mehr Vergewaltigungen angezeigt: #metoo hat etwas bewirkt

Aus Scham und Angst werden aber nach wie vor oft keine Anzeigen gemacht.

Das Bundeskriminalamt gab aktuell die offizielle Kriminalstatistik für das erste Halbjahr 2018 bekannt. Es zeigt sich, dass die Kriminalität in Österreich insgesamt weiter rückläufig ist. „Hinaufgeschossen ist die Zahl der Anzeigen wegen Vergewaltigung - von 261 auf 374, wobei unter den Opfern besonders die Zahl der Frauen aus Afghanistan steigt. Nicht beantworten lässt sich aus Sicht der Polizei zunächst die Frage, ob mehr solche Taten verübt werden oder Frauen eher bereit sind, Anzeige zu erstatten“, heißt es in der Aussendung.

#metoo

Nun fällt es sowohl dem Bundeskriminalamt selbst, der Polizei als auch den einschlägigen Beratungsstellen äußerst schwer, weitere Aussagen zu diesem Punkt zu treffen. „Das liegt einerseits an der hohen Dunkelziffer in diesem Bereich“, sagt Ursula Kussyk vom Verein Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen. „Man muss mit Rückschlüssen aus den Zahlen wirklich sehr vorsichtig sein“, warnt die diplomierte Sozialarbeiterin, die den Notruf leitet. Was aber sicher stimme, ist die positive Auswirkung auf den Umgang mit dem Thema durch die #metoo-Debatte. „Das hat in den Frauen und in der Gesellschaft etwas bewirkt, die Diskussion in den Sozialen Medien über sexuelle Gewalt und Belästigung und dadurch zu sehen, wer betroffen und wer Täter ist.“ Das habe vermutlich einige Opfer dazu bewegt, zur Anzeige zu schreiten, sagt Kussyk.

Auch ein österreichisches Problem

Was den kulturellen Hintergrund ihrer Klientinnen betrifft, zeigt sich Kussyk ebenso vorsichtig. „Es ist wirklich durchgemischt, was unsere Anruferinnen betrifft. Ja, wir nehmen in der letzten Zeit vermehrt Kontakte von Frauen mit Migrationshintergrund wahr, mit einer Flüchtlingsbiographie. Aber wir haben genauso die so genannten autochthonen Österreicherinnen, denen wir helfen.“ Kussyk legt viel Wert darauf, dass nicht der Eindruck entsteht, es wären keine heimischen Opfer oder Täter betroffen. „Es ist ein globales Problem. Und damit auch ein österreichisches.“

Was sie aber bemerkt habe: Klientinnen mit Migrationshintergrund zeigen viel größere Ängste vor unseren Behörden und vor der Polizei. „Das ist vermutlich mit schlimmen Erfahrungen aus dem Heimatland zu erklären“, sagt Kussyk. Beim Thema sexuelle Gewalt oder sexuelle Belastung spielen Scham und Angst eine unberechenbare Rolle. Schon österreichische Frauen zeigen Fälle oft nicht an, die Angst vor Stigmatisierung sei bei Frauen mit afghanischem Hintergrund beispielsweise noch höher.

Zwei Drittel der Opfer kennen Täter

Die Statistik des Bundeskriminalamtes zählt bei den genannten 374 Fällen sowohl versuchte Vergewaltigungen als auch vollendete Vergewaltigungen. „Wir können sagen, dass die Opfer die Täter in zwei Dritteln der Fälle kannten“, sagt Vinzenz Kriegs-Au vom Bundeskriminalamt (BK). Insofern müsse man mit den oft kolportierten Asylwerber- und Flüchtlingsvergewaltigungen vorsichtig sein. Auch er bestätigt, dass die Dunkelziffer hier nur erahnt werden kann, sie aber wohl sehr hoch ist und aus diesen Fällen kaum abschätzbar, wer betroffen und wer Täter ist.

Wenn Frauen einen derartigen Vorfall nicht zur Anzeige bringen, so liegt es oft auch an der für sie sehr unangenehmen und nervenaufreibenden Prozedur. "Das ist tatsächlich etwas Belastendes", sagt Kussyk. Leider sei es immer wieder so, dass das Thema der Bekleidung der Opfer sowohl bei der Befragung als auch in der Gesellschaft eine Rolle spielt - bestätigen mehrere  Beratungseinrichtungen, die in diesem Bereich tätig sind. Wobei, selbst wenn irrelevant, die Klientinnen weitestgehend in Hose und T-Shirt gekleidet gewesen wären. Daher sei es wichtig, dass die involvierten Behörden, die Zivilgesellschaft, Freunde und Bekannte sensibilisiert werden für das Thema, damit sie den richtigen Ton treffen, weil es für die Betroffenen ohnehin schon schwierig genug sei. Die Frauen müssten ermutigt werden, Anzeige zu erstatten und sollten davor nicht auch noch Angst haben müssen. 

Der Verein Notruf für vergewaltigte Frauen ist auf diese Art der Gewalt spezialisiert: Frauenberatung unter 015232222

Sind Sie Opfer einer Straftat geworden? Informationen, kostenlose Beratung und Unterstützung erhalten Sie bei der Verbrechensopferhilfe WEISSER RING. Telefonberatung unter: 0800 112 112

Wenn Gewalt oder Missbrauch einen Ihrer Angehörigen, Bekannten, eine Schülerin oder einen Schüler betreffen, dann wenden Sie sich an die Beratungsstelle Die möwe. Telefonberatung unter: 01 532 15 15

Wenn Sie als Frau von Gewalt betroffen sind, wenden Sie sich an die Frauenhelpline. Die Beratungs- und Hilfsangebote sind kostenlos und das Team rund um die Uhr erreichbar. Telefonberatung unter: 0800 222 555