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Chronik Österreich
08/24/2020

Umstrittenes Graffito in Favoriten: Ein Bild von einem Lokalpolitiker

Favoritens Bezirksvorsteher Marcus Franz (SPÖ) setzt sich selbst ein Denkmal. Warum tut er das? Und wer zahlt dafür? Die Opposition zieht Vergleich zu Nordkoreas Diktator Kim Jong-un.

von Nina Oezelt

Ist es Patrick Swayze (der aus Dirty Dancing), Michael Häupl (der ehemalige Bürgermeister) oder gar Michael Ludwig (der aktuelle)? Das fragen sich am Montag die Passanten am Columbusplatz.

Sie starren auf das 50 Quadratmeter große Graffito, das am Vormittag dort enthüllt wurde. Es ist aber weder der Star aus Dirty Dancing noch einer der genannten Bürgermeister.

Es ist der rote Bezirksvorsteher in Favoriten – Marcus Franz –, der als „Mundl“ im Ruderleibchen und mit Tätowierungen übersät von der Hausmauer des türkischen Kebabhauses „Paydos“ lächelt. „Mei Favoriten is ned deppat“ ist über ihm zu lesen. Eine Anspielung auf den Star aus der Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“. Edmund „Mundl“ Sackbauer lebte einst wie Marcus Franz in der Hasengasse.

Auf dem Wandbild zeigt sich der Bezirkschef muskulös und mit Goldkette – sie zeigt das Bezirkswappen des 10. Bezirks. Auf seinem rechten Bizeps ist der Schriftzug „Born in Favoriten“ tätowiert, auf seinem linken Unterarm steht „BossBezirk“, und auf dem linken Bizeps ist ein Herz tätowiert. Überschrift: „Bildungsbezirk Favoriten“.

Viele Anspielungen

Und das ist noch längst nicht alles an Anspielungen auf den 10. Bezirk. Im Notizbuch des „Bezirksverstehers“ (kein Tippfehler) ist all das aufgelistet, was Favoriten so lebenswert mache: Die vielen Kinderspielplätze (166), die größte FH in ganz Wien (FH Campus Wien am Verteilerkreis), der erste der neuen Gemeindebauten (der Barbara-Prammer-Hof in der Fontanastraße), die Neugestaltung des Reumannplatzes.

Was laut Marcus Franz noch fehlt: Die 500 Polizisten, die Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) nach den Kurden-Demos versprochen hatte.

Bleibt die Frage: Warum das alles?

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Unbekannt, aber mutig

Am Montagvormittag wurde das Wandbild im Beisein des Bezirkschefs enthüllt. Beim KURIER-Lokalaugenschein am Nachmittag zeigten sich die Passanten zwar überrascht, aber durchaus positiv. Einige zücken auch das Handy für Fotos.

„Ganz schön mutig ist der Marcus Franz“, sagt eine Pensionistin. Vorher sei hier eine Anker-Werbung gewesen. „Das Wandbild schaut jetzt zwar nicht sexy aus, aber auf jeden Fall besser.“

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Die Pensionistin war eine von wenigen, die den Bezirksvorsteher auf Anhieb erkannt haben. Und das ist Teil des Problems: Marcus Franz ist erst seit knapp drei Jahren Bezirkschef in Favoriten. Er hat das Amt von Langzeit-Bezirksvorsteherin Hermine Mospointner übernommen. Die Wahl am 11. Oktober ist die erste, in der er sich beweisen muss – und dafür offensichtlich auch seinen Bekanntheitsgrad erhöhen sollte.

„Das Bild ist natürlich humorvoll gemeint“, sagt Marcus Franz (der im echten Leben übrigens keine Tätowierungen trägt). „Was ich damit ansprechen will, ist, dass wir der kinder- und jugendfreundlichste Bezirk sind. Und das ist natürlich ernst gemeint.“ Die Tattoos und versteckten Hinweise sollen zeigen, dass „der Zehnte“ ein durchaus lebenswerter Bezirk ist. Und dass dem Bezirksvorsteher diese Themen „unter die Haut“ gehen.

Paydos-Besitzer Selcuk (40): "Ich finde es cool"

Kritik der Opposition

Von der FPÖ, die bei der Wahl 2015 knapp hinter der SPÖ lag, fing sich Franz nach der Graffito-Enthüllung einen Vergleich mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un ein. Die ÖVP im Bezirk sprach von „unverschämter Selbstinszenierung.“ In den sozialen Netzwerken wollte man am Montag dann vor allem wissen, wer für das Wandbild bezahlt hat.

„Alles aus eigener Tasche“, heißt es aus der Bezirksvorstehung. Wie tief in die eigene Tasche gegriffen wurde, wollte man nicht sagen. Es seien jedenfalls keine Steuermittel dafür geflossen.

Die Miete für die Mauer betrage jedenfalls 1.000 Euro pro Monat. Das sagt Selcuk Duyal, Besitzer des Kebabhauses, zum KURIER. Er wusste übrigens nicht, was da auf seine Mauer gemalt werden sollte. Dass es der Bezirkschef selbst ist, findet er „gewagt, aber cool“. Nachsatz: „‚Wien darf nicht Istanbul werden‘ hätte ich natürlich hier nicht so gut gefunden.“

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