Chronik | Österreich
30.12.2014

Trügerische Bilanz bei Mordfällen

Zahl der Tötungsdelikte gering wie noch nie. Eine Ursache: Es wird weniger genau untersucht.

In Wien verweist man in diesen Tagen auf die beste Mordbilanz aller Zeiten. Gerade einmal neun Menschen kamen im Vorjahr gewaltsam ums Leben. Bemerkenswert daran ist: Alle diese Fälle wurden restlos aufgeklärt. Und Österreich hat ohnehin die niedrigste Rate Europas, im Vorjahr wurden lediglich 31 Morde registriert. In manchen Städten in den USA gibt es so viele Tötungsdelikte an nur einem Tag.

Doch einiges deutet daraufhin, dass die Zahl der Morde in Österreich gar nicht so dramatisch abnimmt. Denn im Zweifelsfall ist ein Mord auch einmal "nur" eine Körperverletzung mit Todesfolge, wie der Fall des Wieners Miodrag Slavic zeigt.

Als "VinziGast" sorgte der Mann auf Facebook für Furore. Der Rumäne erzählte über seinen Alltag als Obdachloser. Am Ende schien es für ihn ein gutes Ende zu geben. Slavic bekam Arbeit und auch eine Wohnung. Im August die dramatische Wende. Der ehemals Obdachlose wurde in Wien tot aufgefunden, die Ursache waren Kopfverletzungen.

Kein Mord

Bis heute hält sich die Staatsanwaltschaft über die genauen Ursachen von Slavic’ Tod bedeckt. Laut KURIER-Recherchen hat sich Folgendes zugetragen: Der ehemalige Obdachlose wurde bei der U-Bahn-Station Josefstädter Straße von einem Unbekannten niedergeschlagen. Slavic starb allerdings nicht durch den Fausthieb, sondern erst durch den folgenden Aufprall mit dem Kopf auf die Gehsteigkante.

Das ist quasi ein Glücksfall für die Bilanz. Denn diese Bluttat gilt nicht als Mord, sondern als Körperverletzung mit Todesfolge, die noch nicht aufgeklärt wurde, weil der Täter bisher nicht verhaftet werden konnte.

In anderen Fällen macht man es sich offenbar ebenfalls leicht. Mehr als hundert Mal gab es in Österreich im Vorjahr Todesfälle, deren "Umstände unbestimmt sind". So wie die Mordrate innerhalb von 18 Jahren laut Statistik Austria von 111 auf 31 Opfer gesunken ist, stieg die Zahl der "unbekannten Todesfälle" im gleichen Zeitraum von 52 auf 101.

Warum die Zahl der Morde ziemlich genau auf ein Drittel gesunken ist, kann anhand einer anderen Bilanz erklärt werden. Die Zahl der Obduktionen in Österreich ist von 30.100 Mitte der 80er-Jahre auf nur noch 11.200 im Vorjahr gesunken. Damit wird deutlich: Die Zahl der Morde sinkt fast exakt im gleichen Maße wie die Zahl der Obduktionen.

Der renommierte Wiener Gerichtsmediziner Christian Reiter warnt deshalb schon seit langer Zeit, dass wegen der abnehmenden Zahl an Obduktionen rund 20 Morde pro Jahr übersehen werden könnten.

Spitze des Eisbergs?

Doch manches deutet daraufhin, dass sogar noch mehr Morde nicht entdeckt werden. So gab es seit Jahren praktisch keine Raubmorde mehr, bei denen ältere Menschen um ihr Hab und Gut gebracht worden sind. Früher wurden allein in Wien ein bis zwei solcher Fälle jährlich entdeckt.

Auch sogenannte Vergiftungsmorde wie jene, die von Bogumila W. mit Arsen ausgeführt wurden, hatten nur deshalb Ermittlungen zur Folge, weil die Verwandten mithilfe von Medien die Justiz und die Polizei dazu gedrängt hatten.

Ein weiteres Indiz sind die Gewaltdelikte insgesamt. Auch hier steigt die Zahlen seit einigen Jahren leicht an. Bisher konnten Experten nicht schlüssig erklären, warum es mehr Gewalt und weniger tödliche Fälle gibt.

Mord an Studentin Lucile: "Noch lange kein Cold Case"

Lucile K. ist in der Nacht des 11. Jänner 2014 gerade auf dem Weg zu einer Freundin und telefoniert mit ihr. Um 23.45 Uhr reißt das Gespräch ab, die 20-jährige Französin ist nicht mehr erreichbar. Am nächsten Tag wird die Leiche der jungen Frau, die für ein Auslandssemester an der FH Kufstein studiert, am Innufer entdeckt. Ein Unbekannter hat sie auf der viel begangenen Promenade oberhalb des Fundorts überfallen und ihr den Schädel eingeschlagen. Die Tatwaffe – ein Stahlrohr – wird Tage später von Tauchern im Fluss gefunden. Das iPhone von Lucile K. und ihre Handtasche sind bis heute verschwunden. Trotz intensiver Ermittlungen gibt es knapp ein Jahr nach dem Mord keine heiße Spur.

„Von einem Cold Case sind wir aber noch weit entfernt“, sagt Tirols Landeskriminalchef Walter Pupp. Zu dem würde dieser Mordfall erst, wenn eine Dienststelle nicht mehr weiter weiß. „Wir sind mit den französischen Behörden in Kontakt und haben ein justizielles Ersuchen gestellt“, berichtet Pupp. Worum es dabei genau geht, will er aber nicht verraten. „Es ist aber nicht so, dass wir eine heiße Spur haben.“

Der erfahrene Kriminalist weiß aber auch: „Wenn man in so einem Fall nicht gleich ein Motiv oder einen Täter hat, dann kann der Ermittlungszeitraum sehr lange werden. Wir sind nach wie vor am Arbeiten.“ Kurz nach der Tat waren zahlreiche Hinweise bei den Behörden eingegangen, die sogar ein Phantombild eines möglichen Verdächtigen veröffentlichen konnten. „Aber es war nichts Brauchbares dabei“, sagt der LKA-Chef.

Parallele zu Wien

Hoffnungen keimte bei den Tiroler Ermittlern im April auf, als in Wien ein 21-Jähriger verhaftet wurde, der für ein Serie von brutalen Überfallen auf Frauen verantwortlich gemacht wurde. Der Mann attackierte fünf seiner Opfer mit einer Eisenstange und wurde am 19. Dezember zu lebenslanger Haft verurteilt. „Von der Opferauswahl und der Art der Tatbegehung hätte er gepasst. Das sind natürlich Momente, in denen man denkt, es schaut gut aus“, erklärt Pupp. Doch ein Abgleich mit den im Fall Lucile sichergestellten DNA-Spuren verlief negativ.