Chronik | Österreich
10.11.2018

Trödel im Trend: Flohmärkte boomen

Verkaufen statt Wegwerfen erlebt eine Renaissance. Web-Dienste sind keine Konkurrenz.

Ein ungewöhnlicher Duft liegt in der Luft. Es ist eine Mischung aus Stallgeruch und Patchouli. „Wir haben ein Räucherstäbchen angezündet, damit wir nicht pausenlos an das Aroma von Schweinen erinnert werden“, erzählt Christian, während er in der Geschirrabteilung die Gläser und Teller ordnet. Es dauert einen kurzen Moment, bis sich die Nase daran gewöhnt hat, dass man sich mitten in den weitläufigen Hallen des Viehzuchtverbands in Zwettl (Niederösterreich) befindet. Dort, wo üblicherweise Rinder oder Schweine auf ihre Versteigerung warten, stapeln sich bis Montag Tausende Alltagsgegenstände, Kuriositäten und Raritäten.

Pullover, Hemden, Röcke, Hosen oder Jacken hängen auf einer langen Kleiderstange eng nebeneinander. Gegenüber sind Möbel zu finden. In der größten Halle liegen Zigtausende Artikel noch dichter aneinander gereiht – hier findet man CD-Player oder Kassettenrekorder genauso wie Kaffeemaschinen, Bücher, Skier, Sturzhelme, Brettspiele und Taschen.

Verwendungszweck

Seit 1973 veranstalten die Zwettler Pfadfinder in regelmäßigen Abständen ihren Flohmarkt. So „rappelvoll“ wie heuer waren die Viehzuchthallen noch nie, sagt Organisator Josef Mayerhofer: „Man spürt diesmal ganz deutlich, dass Leute unnötige Müllberge vermeiden wollen. Denen geht es viel mehr darum, dass ihre ausgemusterten Produkte einem weiteren Zweck zugeführt werden.“ Von einem Mal auf das andere werde der Flohmarkt größer, meint Mayerhofer.

Obwohl die Online-Konkurrenz wie etwa Willhaben.at oder Shpock.at wächst, können auch Organisatoren in Wien und Umgebung über starken Zulauf nicht klagen. „Im Vergleich zum Web sind bewährte Flohmärkte praktikabler. Man muss die Waren nicht abfotografieren und beschreiben, sondern nur die Produkte aus dem Auto räumen“, erklärt Werner Charwat, dessen „Flohmarkt Schwechat“ nach 23 Jahren auf den Parkplatz vor dem Shoppingcenter huma eleven in Wien-Simmering übersiedelt ist. 200 bis 250 Aussteller bieten hier jeden Sonntag von 7 bis 13 Uhr Alltägliches oder Besonderes feil. „Sperrige oder wertvolle Stücke stellen Nutzer lieber ins Internet. Aber die Vielfalt auf einem Platz können nur Flohmärkte bieten“, sagt Charwat.

Gar von einem Boom in der Großstadt spricht Alexander Hengl, Sprecher des Wiener Marktamts (MA59): „Es gibt kaum noch einen Platz, der nicht für Flohmärkte genutzt wird.“ Auf Jahre ausgebucht sei jener am Naschmarkt (samstags 6.30 bis 14 Uhr). Neu ist der Altwarenmarkt für Gewerbetreibende, der ebenfalls dort jeden zweiten Freitag im Monat von 10 bis 17 Uhr veranstaltet wird. „Solche Märkte gehen besser denn je. Wegwerfen ist nicht mehr in“, sagt Hengl.

Einen weiteren Grund kennt Helga Kielmayer, die sowohl in der Bundeshauptstadt als auch vor dem ehemaligen Obi-Markt in Wiener Neustadt (sonntags bis 25. November, 6 bis 13 Uhr) Flohmärkte organisiert: „Die Leute haben immer weniger im Geldbörsel. Wenn sie Zuhause ausmisten, können sie sich das Urlaubsgeld dazuverdienen.“ Darüber hinaus seien Second-Hand-Produkte in guter Qualität für alle erschwinglich, sagt sie.