Chronik | Österreich
11.07.2017

Tornados werden bei uns mehr

Etwa fünf Wirbelstürme pro Jahr in Österreich, das Flachland im Osten ist besonders gefährdet.

"Wäre der Tornado über einen Ort gezogen, hätte das sehr schlimm ausgehen können. Die Gemeinden haben Glück gehabt", sagt Josef Lukas, Meteorologe vom Wetterdienst Ubimet. Montagnachmittag kam es im Gebiet von Schwechat zu dem Naturschauspiel, das bislang in Österreich nur selten zu sehen ist. "Jedes Jahr verzeichnen wir etwa fünf Tornados in Österreich. Der am Montag ist mit etwa 175 km/h über den Raum Schwechat gezogen und war somit der stärkste in diesem Jahr", erklärt Lukas. Eine rund einen Kilometer lange Schadensspur, vorwiegend durch Getreidefelder, war die Folge.

Welche dramatischen Auswirkungen ein Tornado haben kann, hat der 10. Juli 1916 gezeigt. Auf den Tag genau vor 101 Jahren hat es in Österreich ebenfalls einen Tornado gegeben. Damals zog er mit einer Geschwindigkeit von etwa 300 km/h direkt über Wiener Neustadt. "35 Tote und 328 Verletzte waren zu beklagen", sagt Pieter Groenemeijer vom European Severe Storms Laboratory, das sich mit der Erforschung derartiger Wetterphänomene beschäftigt. Der Tornado damals erreichte mit der Stufe F4 die zweithöchste Stärke. "Die Schneise damals war rund 30 km breit", sagt Meteorologe Lukas.

Auslöser Superzelle

Im Gegensatz dazu erreichte der Tornado in Schwechat mit rund 175 km/h nur die Stärke von F1 (die Skala geht von F0 bis F5, siehe Grafik). "Es kann auch sein, dass es sich um einen F2 handelte. Die Einstufung erfolgt anhand der Schäden, die sich in dem Fall auf Felder beschränken und somit nicht so aussagekräftig sind, als ob es sich um ein bewohntes Gebiet gehandelt hätte", sagt Pieter Groenemeijer.

Obwohl nicht direkt im Auge des Tornados, gab es dennoch Auswirkungen am Flughafen Wien-Schwechat: Regenmengen von bis zu 80 Litern/ und Windgeschwindigkeiten von rund 100 km/h führten dazu, dass 20 Flüge auf andere Airports umgeleitet und 30 Abflüge gestrichen werden mussten.

Auslöser für den Wirbelsturm war eine sogenannte Superzelle. Das sind besonders starke Gewitterzellen, die nur unter bestimmten Bedingungen entstehen. Eine solche zog am Nachmittag aus dem Wienerwald entlang der südlichen Wiener Stadtgrenze bei den Bezirken Liesing, Favoriten und Simmering vorbei und sorgte auch für größere Hagelniederschläge (siehe unten). Im Fall der Superzelle vom Montag gab es bei St. Pölten Westwind, während im Wiener Raum der Wind aus östlicher Richtung blies. Diese Luftmassen prallten aufeinander und ließen so die Superzelle entstehen.

Zunahme erwartet

Ob es wieder zu einem derartig starken Tornado wie 1916 kommen kann? "Irgendwann wird das sicher wieder auftreten, das gehört zum Klima dazu. Da können wir nur hoffen, dass er nicht wieder über eine Stadt zieht", meint Groenemeijer.

Generell würden Untersuchungen darauf hindeuten, dass zukünftig in Österreich häufiger mit Tornados zu rechnen ist. "Wir untersuchen in unserem Institut die Häufigkeit von Tornados, und erste Hinweise deuten darauf hin, dass es zu einer Zunahme kommt", meint Groenemeijer. Es würde davon abhängen, wie die Klimaerwärmung weitergeht.

Auch Meteorologe Josef Lukas rechnet mit einer Zunahme der Wirbelstürme. "Genau ist das schwer zu sagen, aber weniger werden sie sicher nicht." Besonders gefährdete Gebiete seien der Osten und Südosten Österreichs: Die östlichen Teile Niederösterreichs, das gesamte Burgenland sowie die südliche und südöstliche Steiermark. "Am Ostrand der Alpen herrschen dafür perfekte Bedingungen", sagt Lukas. Auch Wien kann von einem Tornado heimgesucht werden.

Trifft man auf einen Tornado, sollte man möglichst in ein Gebäude flüchten. "Je weiter unten, desto besser, und jedenfalls von den Fenstern weggehen", sagt Groenemeijer.

Hagelkörner groß wie Ziegelsteine

Allein im Bezirk Gänserndorf standen 39 Feuerwehren mit fast 500 Mann stundenlang im Einsatz. Bei dem Unwetter am Montagnachmittag wurden mehrere Ortschaften bis zu einem Meter überflutet, rund Hundert Keller überschwemmt, Dutzende Bäume umgestürzt und Straßen überschwemmt. "Das Wasser stand teilweise hüfthoch und musste von drei Großpumpen, die 900 Kubikmeter Förderleistung pro Stunde haben, abgepumpt werden, bevor die überfluteten Keller in Einfamilienhäusern in Angriff genommen werden konnten", berichtet Franz Resperger vom niederösterreichischen Landesfeuerwehrkommando.

Die Feuerwehr war die ganze Nacht über im Einsatz. "Um sechs Uhr in der Früh war es schlussendlich vorbei", schildert Resperger. Die Bundesstraße 3 in Oberhausen musste wegen der Überflutung ebenso gesperrt werden, wie die Straße zwischen Franzendorf und Rutzendorf. "Am Dienstag waren die Straßen prinzipiell wieder freigegeben, kleinräumig gab es aber noch örtliche Umleitungen", sagt Resperger.

Katastrophenfonds

Der Gemeinde Schwechat machte nicht nur der Tornado (siehe oben) zu schaffen, vor allem der Hagel sorgte auch für Schäden. "Es gibt Berichte von Hagelkörnern, die so groß wie Ziegelsteine waren. Hausdächer, Schwimmbad-Abdeckungen und Glasdächer wurden schwer beschädigt", erklärt Resperger. Autos mit Glasschäden können bis Sonntag kostenlos in der Tiefgarage beim Rathaus abgestellt werden, falls es mit dem Werkstatt-Termin noch dauern sollte, teilte die Stadt am Dienstag mit.

Auch Keller wurden bei dem Unwetter überflutet. 200 Einsätze zählte die Feuerwehr. Vom Tornado, aber nicht von Unwettern verschont wurde Wien: 200 Einsätze hatte die Berufsfeuerwehr zu verzeichnen. Betroffen waren laut Feuerwehrsprecher Gerald Schimpf die Bezirke Favoriten, Simmering, Hietzing und Donaustadt, später kamen auch Ottakring, Hernals und Währing dazu. Verletzte gab es nicht.

Laut der Österreichischen Hagelversicherung beträgt der Schaden in der Landwirtschaft rund 15 Millionen Euro. Das Land Niederösterreich hat am Dienstag angekündigt, nach den jüngsten Unwettern Mittel aus dem Katastrophenfonds freizugeben.

In den nächsten Tagen sind vor allem wieder im Süden Österreichs Unwetter zu erwarten.