Chronik | Österreich
24.04.2018

Spitalskeime: Fünfmal so viele Tote wie im Straßenverkehr

"Schluss mit den Hygiene-Mängeln": Patientenanwalt fordert einheitliche Qualitätskontrolle.

Nach seiner Spitalsoperation begann die „Hölle auf Erden“, wie Paul Klug (Name geändert) skizziert. Schon der Operateur gab zu, dass die Verhältnisse beim Implantieren des neuen Hüftgelenks schwierig gewesen seien. Was folgte, waren eine starke, anhaltende Schwellung und unerträgliche Schmerzen. Rund zwei Wochen nach dem Eingriff war die Wunde noch immer offen und ein Sekret trat aus. Weil sich die Beschwerden auch Monate später nicht lindern ließen, musste das Implantat erneuert werden.

Die Ursache: Laut Krankenakte ist eine nosokomiale Infektion – also Erkrankung durch Spitalskeime – dafür verantwortlich. Seither leidet der 48-Jährige aus Niederösterreich an den Folgen, er ist auf Gehbehelfe angewiesen und arbeitsunfähig.

Solche und ähnliche Fälle stapeln sich in den Büros der neun Patientenanwälte. Da sich die Haftung der Krankenhäuser aufgrund der fehlenden Nachvollziehbarkeit oft nicht eindeutig klären lässt, landen jedes Jahr mehr als 800 bis zu 1100 Fälle auf dem Tisch der Patienten-Entschädigungskommission. Bei 80 Prozent der Fälle erhalten Betroffene je eine Einmalzahlung von bis zu 70.000 Euro zuerkannt. Klug erhielt knapp 22.000 Euro.

Todesfälle

Auch wenn Österreich zu den wenigen europäischen Ländern gehört, die einen Patientenentschädigungsfonds betreiben, sieht Patientenanwalt Gerald Bachinger dringenden Aufholbedarf bei der Spitalshygiene. Was ihn schockiert: Laut Studie des Europäischen Zentrums für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) sterben Jahr für Jahr 2400 Patienten an Spitalskeimen in Österreich – mindestens fünfmal so viele wie im Straßenverkehr. Österreich liegt mit einer Infektionsrate von fast sechs Prozent im europäischen Mittelfeld. „Würde es 2400 Verkehrstote pro Jahr geben, hätte die Politik sofort reagiert“, kritisiert Bachinger.

Um höhere Sterblichkeit, Behinderungen und unnötige volkswirtschaftliche Ausgaben zu reduzieren, seien präventive Maßnahmen unumgänglich. Zwar sei zuletzt die „Rahmenrichtlinie zur systematischen Erfassung von Spitalskeimen“ beschlossen worden, allerdings hakt es bei der Umsetzung. „Schon seit 2014 wird ein bundesweit einheitliches Kontrollsystem für die Spitäler versprochen. Obwohl auch die Finanzierung steht, wird der Start ständig verschoben“, sagt Bachinger. Qualitätsstandards seien zwar definiert, doch die seien Empfehlungen und rechtlich nicht bindend. „Schluss mit den Hygiene-Mängeln. Es muss endlich eine effektive Qualitätskontrolle geben – auch mithilfe von Mystery-Shopping“, sagt Bachinger. Er will sich zudem dafür einsetzen, dass die Ergebnisse aller Spitalsabteilungen in einem Hygiene-Ranking im Internet abrufbar sind, um eine Konkurrenz unter den Spitälern zu erzeugen. Da liegt wohl das Hindernis versteckt. Insider glauben, dass die Rechtsträger – sprich Länder – blockieren, weil es um den „guten Ruf ihrer Krankenhäuser geht“.

Personalmangel

Operative Routineeingriffe mit unvermeidbaren Folgen sind das eine, Zeitdruck, Personalmangel und Schlampereien das andere – wie Patientenbeobachtungen zeigen: „Ohne Handschuhwechsel und ohne Händedesinfektion geht die junge Ärztin weiter ins nächste Zimmer. Sie begibt sich in die Nasszelle, entnimmt ein Einmalhandtuch, schnäuzt sich die Nase und geht ohne Weiteres zu Bett 3, nimmt dort Blut ab und legt einen venösen Zugang (...)“. „Banale Maßnahmen wie das Händewaschen werden bei 50 Prozent der Abläufe in den Spitälern nicht eingehalten. Alleine mit einer ordentlichen Händedesinfektion würden sich 40 Prozent der Todesfälle vermeiden lassen“, sagt Bachinger.

Während einige Spitäler auf KURIER-Anfrage erklären, die Regelungen laut Kranken- und Kuranstaltengesetz (Paragraf 8a) einzuhalten, ist dem Gesundheitsministerium das Problem bewusst: „Leider wurde in den letzten Jahren verabsäumt, hier mit weiteren konkreten Maßnahmen anzusetzen. Daher loten aktuell unsere Experten legistisch fachliche Maßnahmen, insbesondere im Rahmen des individuellen Infektionsschutzes, aus“, sagt eine Sprecherin.