Tillys roter Faden gegen die Sorgen

Sie sagt, sie ist Hobbybastlerin. Ottilie Zehetner ist aber mehr als das. Wie ihre Würmchen aus Garn Sorgen vertreiben.
Ein Foto von Ottilie die grinsend ihre Würmchen an einem Halter dreht.

Von Vanessa Halla

Man hat es auf den ersten Blick lieb. Auch wenn man, so wie die Autorin dieser Zeilen, schon als Kind kein großer Fan von Handarbeiten war. Das Sorgenwürmchen ist aus violettem Garn gehäkelt, hat eine Mütze auf und sein Gesicht, aufgemalt auf eine Holzkugel, blickt wirklich zuckersüß drein.

Die Idee hinter den sogenannten Sorgenwürmchen ist relativ simpel: Man stricke oder häkle (meist) anonym einen Wurm und platziert ihn dort, wo andere Menschen ihn finden können.

Anonymes Aufmuntern

Oft liegt dem Sorgenwürmchen noch ein Zettel mit ein paar netten Worten bei – so möchte man ein wenig Freundlichkeit in die Welt bringen und andere Menschen aufmuntern. "Du kannst ihm auch all deine Sorgen anvertrauen, dafür ist es schließlich da", erklärt wiederum jene Frau, die sich wirklich bestens in der Welt der gehäkelten Tierchen auskennt.

Ein Häkel-Wurm aus violettem Garn mit einer Perle samt aufgezeichnetem Gesicht als Kopf.

Tillys Sorgenpüppchen erobern seit dem letzten Buch von Martina Parker die Region. 

Ottilie Zehetner ist 72 Jahre alt und hat bisher knapp 600 Sorgenwürmchen gehäkelt. Außerdem noch Tausende Weihnachtskugeln, Tischdecken, Puppenkleider, Engelchen… und nur ja nicht die Gobelin-Stickbilder zu vergessen! Willkommen daheim bei Tilly – jene Frau, die das Burgenland bestimmt schon mehrfach "umgarnt" hat.

Ottilie "Tilly" Zehetner stammt aus Rumpersdorf im Süden des Burgenlandes. Knapp 100 Menschen leben in dem Örtchen. In Tillys Haus wiederum "leben" neben ihrem Mann Karl und dem gemeinsamen Hund Jerry auch noch unzählige Handarbeiten, aus Garn und Wolle gefertigt.

"Seit der ersten Handarbeitsstunde in der Schule bin ich Feuer und Flamme dafür", beginnt die 72-Jährige ihre Geschichte. Tilly häkelt, strickt und stickt also schon gefühlt ihr ganzes Leben lang.

Irgendwer kann immer ein Paar Wollsocken brauchen.

von Ottilie Zehenter

versorgt die ganze Familie

Der Griff zur Stricknadel

Die Liebe zur Handarbeit macht für die herzliche Pensionistin vor allem die meditative Ruhe aus, die sie darin findet. "Wenn ich nicht schlafen kann, die Gedanken im Kopf zu laut werden oder ich mich ein bisserl matt und abgeschlagen fühle, dann greife ich zur Nadel. Aber zur Häkel- oder Stricknadel natürlich", lacht sie, die Tilly.

Kein Faden ist vor der Rumpersdorferin sicher. "Im Obergeschoß habe ich ein Zimmer, das bis an die Decke voll mit Garn und Wolle ist. Das zeige ich aber nicht her, sonst hält man mich am Ende noch für verrückt."

46-222546839

20 Minuten braucht die Rumpersdorferin für ein Sorgenpüppchen.

Sorge, dass ihr Vorrat an Arbeitsmaterialien zu Ende gehen könnte, hat die Rumpersdorferin also nicht. Auch gehen ihr die Ideen für Handarbeiten nicht aus. "Ich schau viel auf YouTube und Pinterest. Dort habe ich auch zum ersten Mal eine Anleitung für ein Sorgenwürmchen gesehen. Als ich dann so ein Würmchen am Handgelenk von Autorin Martina Parker gesehen habe, meinte ich zu ihr, dass ich ihr auch welche häkeln kann. Dass ich ihr aber gleich mehrere Hundert Stück schicke, damit hat sie, glaube ich, nicht gerechnet", erinnert sich das Energiebündel lachend.

Tilly Zehetner probiert wirklich jeden neuen Trend in der Welt der Handarbeit aus. "Nichts ist vor mir sicher. Ich habe während meiner Berufszeit in Wien bestimmt Hunderte Kollegen und ihre Familien mit Handarbeiten beschenkt. Am liebsten tu' ich sticken und häkeln. Und wenn grad gar nichts Neues am Markt ist, dann stricke ich eben Socken. Irgendjemand kann immer ein paar Wollsocken brauchen."

"Nicht ist vor mir sicher"

Windspinner, bestickte Lavendelsackerl, Ostereier umhäkeln und selbst gemachte Weihkorbdecken fürs Osterfest – alles, wirklich alles wird von Tilly in akribischer Handarbeit gefertigt. "Nichts ist vor mir sicher", lacht die Südburgenländerin.

Dass sie mit ihren liebevoll gefertigten Stücken von Hand schon Tausenden Menschen Schönes und Glücksmomente obendrauf geschenkt hat, habe sie, so die Tilly, "oft nicht realisiert. Mein Sohn beispielsweise, der konnte all das Gewand, das ich ihm gestrickt habe, gar nicht anziehen", lacht Ottilie Zehetner.

Ein Tisch auf dem mehrere Häkelstücke zu sehen sind.

An Ideen fehlt es Tilly Zehetner nicht.

Heute beschenkt die Rumpersdorferin beispielsweise ihre Ärztin, die ein Kinderbuch verfasst hat, mit zum Inhalt passenden gehäkelten Tierfiguren. Auch die ehemalige Lateinlehrerin des Enkels ist mittlerweile Tilly-Fan. "Wir treffen uns regelmäßig und ich zeige ihr ein paar Tricks. Wenn man sich mit Nadel und Garn gegenübersitzt, erklärt es sich einfacher."

Dass die Handarbeitskönigin Selbiges stets in der Handtasche dabei hat, war fast klar. "Ohne Nadel und Garn verlasse ich das Haus nicht. Irgendwo muss man immer warten und ein Sorgenwürmchen ist in knapp 20 Minuten fertig. Wäre doch schade um die verlorene Zeit."

Kommentare