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Chronik Österreich
06/16/2019

Sommer ohne Sorge – bis zum „Anschluss“

Marie-Theres Arnbom erzählt in „Die Villen vom Traunsee“ traurige Geschichten der Enteignung

von Thomas Trenkler

Nicht nur der Kaiser verbrachte die Sommermonate im Salzkammergut: Die pittoreske Landschaft zog im 19. Jahrhundert viele an – Adelige, Industrielle, Bankiers, Künstler. Und viele errichteten hier Villen.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Wiener Historikerin Marie-Theres Arnbom mit ihnen: 2017 erzählte sie die Geschichte der Villen von Bad Ischl, 2018 jene vom Attersee. Soeben erschien, wieder beim Amalthea Verlag, der dritte Band: „Die Villen vom Traunsee“. Die akribisch recherchierten „Geschichten“ handeln zumeist vom Niedergang – zunächst ausgelöst durch den Antisemitismus in der Ersten Republik.

Bereits 1921 fasste man in Mattsee, wo Arnold Schönberg zu urlauben pflegte, den Entschluss, dass „unserem schönen Orte (...) die Folgen einer etwaigen Verjudung“ erspart bleiben soll. Der Komponist wollte sich dem nicht länger aussetzen – und wechselte an den Traunsee, wo er in der Villa Josef logierte. Und dann, nach dem „Anschluss“ ans Deutsche Reich im März 1938, setzte die brutale Judenverfolgung der Nationalsozialisten ein. Allein in Gmunden, so Marie-Theres Arnbom, wurden 25 Villen enteignet.

„Judenbekämpfung“

Der Bankier Salo Cohn zum Beispiel erwarb 1889 eine Villa in Altmünster. Nach dessen Tod erbten die Enkeltöchter Charlotte Freistadtl und Margarete Bittner den Besitz, es wurden zwei Sommerresidenzen errichtet. In der NS-Zeit versuchte die Gemeinde, die „Judenvillen“ für sich zu sichern: Sie habe sich „durch die Judenbekämpfung“ große Verdienste erworben, das Land werde „ja genügend jüdischen Besitz übernehmen können, sodass dieser Besitz ohne weiteres der Gemeinde verbleiben könnte“. Man war mit der Argumentation erfolgreich. Die andere Villa ging an die Reichspost.

1947 erhielt Margarete Bittner ihre Villa (ohne Einrichtung) zurück, Altmünster erwartete einen „Akt der Großmut“. Doch sie wollte mit dem Ort nichts mehr zu tun haben, 1950 verkaufte sie das Haus.

Oder: Mathilde Wesendonck, einst Muse von Richard Wagner, erwarb 1878 eine Villa in Altmünster, der sie den Namen „Traunblick“ gab. Dort starb sie 1902. In der Folge, 1917, erwarb Rosa von Gutmann die Immobilie. Sie ließ sich bereits im Februar 1938 in der Schweiz nieder. Von dort aus versuchte sie, die Villa zu verkaufen. Ende 1938 wurde sie mit dem Deutschen Reich handelseins. Die Kaufsummer von 175.000 Reichsmark erhielt sie aber nie. Genutzt wurde die Villa in der NS-Zeit von Reichspostminister Wilhelm Ohnesorge. Sie war daher – wie zum Hohn – die Villa Ohnesorge.

Hoch interessant ist auch die Geschichte der „Russenvilla“, errichtet nach den Plänen von Theophil Hansen, die später Villa Carla hieß und ebenfalls beschlagnahmt wurde.

Im Zentrum von Armboms Buch steht aber die Villa Toscana nahe dem Schloss Ort, an deren Errichtung Erzherzog Johann Salvator federführend mitwirkte. Dessen große Liebe galt der Balletttänzerin Milli Stubel. 1890 reisten die beiden nach Südamerika, kamen aber nie an. Ihr Schiff, die Sancta Margarita, sank in einem Sturm. Erst 1911 wurden die beiden für tot erklärt, die Villa Toscana verfiel unterdessen.

Letzte Ruhestätte

Ende 1913 wurde sie von Margarete Stonborough erworben. Ihr Vater war der Großindustrielle Karl Wittgenstein, der seine Tochter von Gustav Klimt porträtieren ließ. Das Haus wurde renoviert und erhielt einen turmartigen Aufbau.

Mitte Juni 1938, drei Monate nach dem „Anschluss“, nahm sich Jerome Stonborough das Leben. Obwohl Margarete durch ihre Ehe US-Staatsbürgerin war, wurde die Villa beschlagnahmt. Man quartierte eine Schule für Führungskräfte ein, und Magda Goebbels, eiskalte Frau des Propagandaministers, beanspruchte die Villa für sich.

Margarete Stonborough kehrte 1946 aus dem US-Exil zurück nach Österreich, es folgten wieder schöne Sommer, 1958 fand sie in Gmunden ihre letzte Ruhestätte.

„Scharfer Nazigegner“

Der Komponist Erich Wolfgang Korngold und seine Frau Luzi hingegen verspürten kein Verlangen mehr nach der Idylle vom Traunsee.

Im Februar 1933 hatten sie das Gut Höselberg in Gschwandt erworben. Wenig später, im Herbst 1934, waren die Korngolds erstmals für einige Monate nach Kalifornien gegangen – auf Vermittlung von Max Reinhardt. In der Folge hatte er unglaubliche Erfolge: 1936 wurde er für die Musik zu „Captain Blood“ mit dem jungen Errol Flynn für den Oscar nominiert, 1937 erhielt er die Statuette für die Musik zum Film „Anthony Adverse“. Doch Korngold kehrte immer wieder zurück nach Österreich. Im Jänner 1938 erhielt er den Auftrag, rasch die Musik zu „Robin Hood“ zu komponieren. Am 4. Februar trafen die Korngolds in New York ein – und waren gerettet.

Von Hollywood aus versuchte Korngold, der Enteignung der Liegenschaft zuvorzukommen – durch einen Verkauf an Alfred Demelmayer. Die Nazis zogen sogleich Erkundigungen ein: Demelmayer sei „scharfer Nazigegner“ und „innerlich weiterhin Gegner der NSDAP bedingt durch seine Ehe mit einer Halbjüdin“ . Der Kaufvertrag wurde daher abgelehnt. Mit ihrer Einschätzung lagen die Machthaber gar nicht so falsch: Demelmayer gründete mit seinem Bruder eine Widerstandsgruppe ...

1941 beschlagnahmte die Gestapo das Gut Höselberg für den Reichsarbeitsdienst. 1949 erhielten die Korngolds es zurück. Devastiert.

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