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Chronik Österreich
08/24/2019

Rettungsaktion angelaufen: IS-Kinder sollen bald in Wien sein

Das Außenministerium möchte erstmals Kinder einer IS-Anhängerin zurück nach Österreich holen.

von Markus Strohmayer

Mehr als 70.000 Frauen, Kinder und alte Menschen – alle eingezäunt mit Stacheldraht. Verletzungen, Verstümmelungen und Mangelerscheinungen sind eher die Regel als die Ausnahme. So beschreibt der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger die Zustände im Wüstenlager Al-Hol in Nordostsyrien.

Für zwei Kleinkinder soll dieser Albtraum bald zu Ende gehen. Das österreichische Außenministerium bereitet derzeit eine Rückholaktion vor. Erstmals dürfen Kinder einer IS-Sympathisantin nach Österreich zurück.

Bei den Buben im Alter von 1,5 und drei Jahren handelt es sich um die Söhne der mutmaßlich getöteten IS-Anhängerin Sabina S. Im Jahr 2014 war die damals 15-jährige Wienerin nach Syrien aufgebrochen, um sich dem IS anzuschließen.

Dass ihre Kinder nun heimkommen sollen, verdanken sie den Bemühungen der Großeltern und des Nahostexperten Schmidinger, mit dessen Hilfe die Kinder aufgespürt wurden. „Aufgrund meiner guten Kontakte zur kurdischen Selbstverwaltung in der Region wurde ich von den Großeltern um Hilfe gebeten.“ Er stimmte zu und organisierte im Mai für die Großmutter und sich Zutritt zum Camp.

Stundenlange Suche der Kinder

„Wir marschierten mit einem Foto der Buben, begleitet von kurdischen Kämpfern, stundenlang durch das Zeltlager und fragten uns durch. Anders ging es nicht, da leben mehr als 70.000 Menschen, aber es gibt keine vollständige Registrierung“, erinnert sich der Politikwissenschaftler. Einfach sei die Suche in dem riesigen Zeltlager, in dessen Inneren immer noch die Regeln des IS gelten, nicht gewesen. Schlussendlich hätte man aber den entscheidenden Hinweis bekommen und die Kinder körperlich gesund vorgefunden.

Drei Monate später soll die Rückholung nun unmittelbar bevorstehen. Das Außenministerium habe die Umstände des Falls geprüft und bereite eine entsprechende Aktion vor. Es seien alle Voraussetzungen für eine Rückholung erfüllt, sagte Außenministeriumssprecher Peter Guschelbauer gegenüber Ö1. So wurde ein DNA-Test durchgeführt, der die Verwandtschaft zu den Großeltern bestätigt. Diesen wurde vergangene Woche von einem österreichischen Pflegegericht das Sorgerecht zugesprochen.

Der Anwalt der Großmutter, Clemens Lintschinger, hofft im KURIER-Gespräch, dass es nun rasch geht. Schließlich ginge es seines Wissens nach nur mehr um die Ausstellung der Notpässe. Das Außenministerium argumentierte bisher stets, dass es in der Region keine staatlichen Behörden als Ansprechpartner gebe und die kurdische Eigenverwaltung für die Ausreise einen österreichischen Staatsbürgerschaftsnachweis der Kinder fordere. Ministeriumssprecher Guschelbauer bittet um Verständnis, dass aufgrund „erheblicher Sicherheitsrisiken“ weiter keine Details oder ein konkreter Zeitplan genannt werden.

Laut Schmidinger herrscht in der Region nach wie vor Unruhe. Da sei einerseits die Drohung der Türken, einzumarschieren. Andererseits gebe es auch nach dem Sieg über den IS weiterhin islamistische Terrorzellen, die Anschläge verüben. Für die Rückholung, so Schmidinger, müsse entweder eine österreichische Delegation zum Camp fahren, um die Buben zu holen. Oder die kurdischen Kräfte erklärten sich bereit, diese an die syrisch-irakische Grenze zu bringen. Je schneller dies geschehe, desto besser, denn wie Schmidinger hinzufügt: „Vor Ort gibt es viel zu wenig internationale Unterstützung. Mir wurde gesagt, dass im Lager Al-Hol allein bis Mai 300 Kinder ums Leben gekommen sind.“